Kleine Fräserkunde

stefang
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Kleine Fräserkunde

Beitrag von stefang » Mi 29. Mai 2013, 01:20

Ahoi zusammen,
fräsen ist ein sehr weites Gebiet und ich arbeite hobbymäßig auf einer relativ leichten umgebauten Cnc-Maschine als auch auf einer Industrie Cnc-Fräsmaschine und habe schon auf verschiedensten konventionellen Maschinen gefräst.. Ich hab jetzt mal meine Erfahrungen aus Hobby und Beruf in einen längeren Text gehämmert. Dabei beziehe ich mich hier nur auf Monowerkzeuge, die komplett aus dem jeweiligem Schneidstoff bestehen, Wendeplattenwerkzeuge sind aussen vor, da mir in diesem Bereich die Erfahrung fehlt.

Vielleicht etwas Allgemeines noch vorab: Fräser (eigentlich alle Schnittwerkzeuge) mögen es nicht, wenn sie sich an den Schneiden gegenseitig berühren. HSS Werkzeuge verkraften das noch so halbwegs, für Hartmetallwerkzeuge ist das richtig schlecht, die Schneiden brechen bei so was sehr schnell aus.

Schneidenzahl:

Vom Einschneider abgesehen macht die Schneidenzahl beim zu bearbeitenden Material wenig Unterschied, außer man hat sehr weiche Werkstoffe.
Extrembeispiel: Hartfräsen mit 55HRc ist sowohl mit Zweischneidern als auch mit Sechsschneidern möglich.
Viel mehr hängt die Auswahl der Schneidenzahl von der Bearbeitung ab. Sollen viele Vollnuten gefräst werden, wählt man weniger Schneiden, da die Späne besser abgeführt werden können. Sind sehr gute Oberflächen beim Schlichtfräsen (mit den Umfangsschneiden des Fräsers) gewünscht, wählt man besser einen Fräser mit mehr Schneiden.
Für allgemeine Arbeiten ist ein Zwei- oder Dreischneider eigentlich immer eine gute Wahl.
Ein Fräser mit mehr Schneiden hat durch den dickeren Kern auch eine deutlich größere Stabilität, verbiegt sich also nicht so stark.
Zur Verbiegung von Werkzeugen: Man hört oft, VHM Fräser würden sich nicht verbiegen, sondern sofort abbrechen. Das ist definitiv nicht der Fall. Hartmetalle haben ein etwa 3x höheres E-Modul als Stähle, biegen sich also 3x schwächer bei gleicher Belastung. Aber sie biegen sich. Bei langen, schlanken Werkzeugen ist das auch problemlos mit dem Auge sichtbar. Einen Überlangen 1mm (25mm lang) VHM Fräser kann man an der Spitze mit dem Finger spielend 0,5mm Auslenken, ohne das er bricht. Solche Werkzeuge sind aber im normalen Alltag eher die Ausnahme ;)

Einschneider:
IMG_1954.JPG
- Für weiche Werkstoffe geeignet (Aluminium, Kunststoffe, Holz)
- Sehr großer Spanraum, sehr gute Spanabfuhr beim Fräsen von Vollnuten
- Relativ geringe Vorschübe möglich
- An der Stirnschneide sehr einfach nachzuschleifen, auch am einfachem Schleifbock

Zweischneider:
IMG_1955.JPG
- Viel Spanraum
- Verhältnismäßig instabil
- Gute Oberflächen beim Stirnfräsen

Dreischneider:
IMG_1956.JPG
- Guter Kompromiss in Bezug auf Stabilität und Spanraum
- Gute Oberflächen beim Stirn- und Umfangsfräsen

Vielschneider (Vier bis Viele Schneiden):
IMG_1957.JPG
- Sehr stabil gegen verbiegen
- Winziger Spanraum, nicht sinnvoll zum Nutenfräsen geeignet
- Sehr gut geeignet zum Besäumen von Werkstückkonturen
- Sehr gute Flächen beim Umfangsfräsen

Schruppfräser:
IMG_1958.JPG
Hier sind besonders moderne, feingekordelte Typen (rechts im Bild) interessant, meistens mit zwischen 3 und 6 Schneiden. Durch die Unterbrochenen Umfangsschneiden sehr geringe Schnittkräfte. Ermöglicht auch auf leichten Maschinen eine Zustellung von 0,5-1x Nenndurchmesser beim Vollnutenfräsen, sofern man die Späne wegkriegt.
Eine andere Art von Schruppfräsern sind Schrupp-Schlichtfräser (links im Bild), die beim Umfangsfräsen eine deutlich bessere Oberfläche erzeugen, als normale Schruppfräser, aber hauptsächlich für weiche Werkstoffe gedacht sind.

MTC-Fräser:
Leider sehr teuer, aber grade für Besitzer von labilen Maschinen sehr interessant: Diese Fräser haben aufgrund ihrer Geometrie einen sehr geringen Schnittdruck. Sind als Schrupp- und Schlichtfräser verfügbar.

Sonderformen:

Stichel:
IMG_1959.JPG
Die meisten kennen ihn als Gravierstichel. Ein halbierter Rundling aus Hss oder VHM, der eine Kontur und einen Hinterschliff verpasst bekommt. Wer in der glücklichen Lage ist, eine Stichel- oder Werkzeugschleifmaschine zu besitzen, kann sich solche Stichel leicht selber schleifen. Dabei ist man nicht nur auf spitzige Formen zum Gravieren beschränkt, man kann auch Stichel für winzige Schwalbenschwänze schleifen oder zylindrische Stichel mit bestimmtem Durchmesser, wenn man keinen entsprechenden Fräser bekommt. Im Grunde ein Einschneidenfräser, deswegen sind nur sehr geringe Vorschübe möglich.

Torusfräser:
IMG_1960.JPG
Im Prinzip ein Schaftfräser mit Eckradius. Besonders interessant auf CNC-Maschinen zum 3d-Fräsen. Weiterhin auch gut zum Schruppen geeignet, da der Fräser durch den Eckradius eine hohe Stabilität gegen Ausbrechen hat. Häufig in langer und überlanger Ausführung erhältlich.

Radiusfräser:
IMG_1962.JPG
Ein Fräser mit Vollradius an der Spitze, hauptsächlich für CNC-Maschinen, zum 3d-Fräsen von Freiformen. Beim Fräsen hat man das Problem, dass die Schnittgeschwindigkeit an der Spitze gleich Null (Werkzeugradius gleich Null) wird, und der Fräser mehr drückt als schneidet. Man kann dies umgehen, indem man den Fräskopf der Maschine neigt, was aber auch nicht immer möglich ist. Beim 3d Fräsen, soweit durch die zu fräsende Form möglich, durch einen Torusfräser ersetzen.

Entgratfräser:
IMG_1963.JPG
In verschiedenen Winkeln erhältlich, zum Fasenfräsen an Werkstückkanten. Ziemlich robust und preisgünstig, auch bedingt geeignet zum Gravieren.


Schneidstoffe:

HSS:
Der Klassiker, vermutlich nie komplett aus den Werkstätten wegzubekommen. Robust und günstig, kann extrem scharf geschliffen werden. Lebensdauer bei Stahlbearbeitung (vorallem trocken) eher begrenzt.

HSS-PM (Pulvermetall):
Die Bessere Form von HSS, kommt in Fräserform meistens beschichtet und ermöglicht sehr hohe Schnittgeschwindigkeiten (Nahe an einfachen VHM-Fräsern) und ist trotzdem sehr hart im Nehmen. Gute Wahl für Schruppfräser und Trockenbearbeitung,

VHM:
Sehr hitzebeständig, deutlich steifer als HSS und relativ spröde. Auf sehr instabilen Maschinen muss man vorsichtig sein, die Schneidekanten können leicht ausbrechen. Wenn man allerdings die Zustellungen gering, Drehzahl und Vorschub hoch hällt kann man damit auch auf Hobbymaschinen sehr gute Ergebnisse erzielen. Bei garstigen Werkstoffen wie rostfreien Edelstählen und Werkzeugstählen sehr sinnvoll.


Schmierung:

Trockenbearbeitung, Blasluft:
Trockenbearbeitung ist für den Hobbyisten oft die einzige Option, wenn er eine riesen Sauerei vermeiden will. Kurzspanende Werkstoffe sind dafür sehr gut geeignet, Werkstoffe wie Aluminium sind dagegen problematisch, da sie dazu neigen auf der Werkzeugschneide aufzuschweißen (Aufbauschneiden) und das Werkzeug zu verkleben, was in Werkzeugbruch resultieren kann.
Zusätzliche Blasluft auf den Fräser ist sehr hilfreich, befördert die Späne aus der Fräsnut und kühlt die Schneiden. Funktioniert sehr gut bei der Stahlbearbeitung mit VHM Fräsern.

Pinselschmierung:
Einfache Lösung für schwer zerspanbare Werkstoffe wie verschiedene Edelstähle, ein Schneidöl wird mit einem Pinsel oder einer Ölkanne aufgetragen. Beim Pinsel darauf achten, dass selbiger nicht vom Fräser erfasst wird. Beim Fräsen von nuten oft problemmatisch, da das Öl die Späne verklebt und verhindert, dass diese aus der Nut rauskommen. Die Späne werden immer wieder vom Fräser durchgezogen und das resultiert in schlechter Werkzeugstandzeit und noch schlechteren Oberflächen.

Minimalmengenschmierung:
Der nächste Schritt weg von der Trockenbearbeitung, Druckluft versetzt mit feinsten Öltröpfchen. Kann die lästige Aufbauschneidenbildung bei verschiedenen Werkstoffen wie Aluminium verhindern. Verschiedenste Systeme von der Noga Minimalmengenschmierung bis zum „Fog-Buster“ sind verfügbar.
Der resultierende Ölnebel in der Luft kann ein gesundheitliches Problem darstellen.

Überflutungskühlung:
Optimal für fast alle Metallischen Werkstoffe, mit potential für eine riesen Sauerei, aber auch äußerst effektiv. Späne haben keine Chance und werden sofort weggeschwemmt, die Schmierung an der Werkzeugschneide ist sehr gut.

Schnittwerte:

Hier gehen die Ansichten ganz rabiat auseinander, die einen sagen im Hobbybereich macht es keinen Sinn, Schnittwerte zu errechnen. Ich dagegen sage, Schnittwerte ausrechnen und nutzen ist ein sehr guter Weg, die Standzeit der Werkzeuge zu erhöhen.

Schnittgeschwindigkeit vc:
Die Hersteller geben einen Wert für Schnittgeschwindigkeit an, es gibt aber auch allgemeine Tabellen für HSS und VHM, beschichtet und unbeschichtet im Tabellenbuch Metall für verschiedenste Werkstoffe. All diese Werte für die Schnittgeschwindigkeit haben gemein, dass sie am oberen Limit angesiedelt sind. In der Industrie ist es billiger das Werkzeug bis zur Verschleissgrenze zu nutzen und dann wegzuwerfen, als es mit geringer Schnittgeschwindigkeit zu fahren und sich der langen Standzeit zu erfreuen.
Im Hobbybereich ist das natürlich anders, wir haben kein riesen Budget für Fräser. Wenn man die Katalog- oder Tabellenwerte für die Schnittgeschwindigkeit halbiert, ist man gut dabei.

Allgemein ein guter Anhalt ist z.B.:

HSS in Baustahl: etwa 20-30m/min
VHM in Baustahl: etwa 50-100m/min

Drehzahl:
Aus der Schnittgeschwindigkeit und dem Werkzeugdurchmesser kann man die Drehzahl errechnen:
n = (vc[m/min]*1000) / ( pi*d[mm] )

n = Drehzahl in U/min
vc = Schnittgeschwindigkeit in m/min
d = Werkzeugdurchmesser in mm

Zahnvorschub:
Der Zahnvorschub beschreibt den Wert, den sich ein Zahn des Fräsers pro Umdrehung ins Material arbeitet. Die Anzahl der Zähne mal den Zahnvorschub ergibt demzufolge die Zurückgelegte Strecke pro Umdrehung. In Verbindung mit der Drehzahl erhällt man den Vorschubwert F:

F = n[U/min] * Fz[mm/Z] * z

F = Vorschub in mm/min
n = Drehzahl in U/min
Fz = Zahnvorschub in mm
z = Zähnezahl des Fräsers

Den Wert für den Zahnvorschub gibt ebenfalls der Werkzeughersteller an. Man sollte sich von diesem Wert nicht zu weit entfernen, sonst schneidet das Werkzeug nicht richtig und reibst sich stumpf, oder die Schneiden werden überlastet.und Schneidenbruch ist die Folge.

Eingriffsbreite Ae:
Beschreibt einfach wie weit das Werkzeug seitlich zugestellt wird. Schlechtester Fall ist halber Werkzeugdurchmesser. Guter Universalwert ist 2/3 Nenndurchmesser.

Zustellung Ap:
Tiefe, die das Werkzeug eingreift. Das ist der Wert, den man an die Stabilität der Maschine anpassen muss.
Zustellungswerte die bei mir mit normallangen Werkzeugen sehr gut funktionieren:

Aluminium: Zustellung 1/5*Werkzeugzeugdurchmesser
Stahl: Zustellung 1/10*Werkzeugdurchmesser

Manchen mögen diese Werte sehr gering erscheinen, aber für normale Schlichtfräser funktioniert das sehr gut. Ich überlaste die Werkzeugschneiden nicht und kann den vollen Zahnvorschub fahren, ohne an die Stabilitätsgrenze meiner Maschinen zu kommen. Diese Werte nutze ich für eine Eingriffsbreite von 2/3*Werkzeugdurchmesser bis zum Vollnutenfräsen.

Wenn ich ein Werkstück besäume, also Hauptsächlich mit den Umfangsschneiden arbeite, steigere ich die Zustellung ap bis auf 1*Werkzeugdurchmesser und nutze, um die Eingriffsbreite Ae zu errechnen, den Wert von Ap, also in meinem Fall z.B. 1/5 bis 1/10*Werkzeugdurchmesser (Siehe Beispiel 2)

1. Beispiel:

Fräsen einer Vollnut, 6mm VHM Fräser, 3 Zähne, zu bearbeitender Werkstoff: Baustahl
Schnittwerte für den Fräser laut Katalog: vc = 120m/min (Wir werden 60m/min nutzen, da wir das Werkzeug länger benutzen wollen), fz = 0,03mm

Als erstes Berechnen wir die Drehzahl:
n = (vc[m/min]*1000) / ( pi*d[mm] )
n = (60m/min*1000) / ( pi*6mm )
n = 3184U/min

Unsere Beispielfräsmaschine kann aber nur maximal 3000U/min. Also wählen wir diese Drehzahl.

Vorschub:
F = n[U/min] * Fz[mm/Z] * z
F = 3000U/min] * 0,03mm/Z * 3
F = 270mm/min

Eingriffsbreite Ae:
Die Eingriffsbreite Ae erübrigt sich, da wir eine Vollnut fräsen.

Zustellung Ap:
Hier wählen wir 1/10*Werkzeugdurchmesser = 0,6mm

Das Ergibt insgesamt die Werte:
Drehzahl n: 3000U/min
Vorschub F: 270mm/min
Zustellung Ap: 0,6mm

2. Beispiel:

Besäumen einer Werkstückkante (Fräsen der Aussenkontur), 10mm beschichteter HSS-PM Fräser, 4 Zähne, zu bearbeitender Werkstoff: kurzspanendes Aluminium

Schnittwerte für den Fräser laut Katalog: vc = 138m/min (Wir werden 69m/min nutzen), fz = 0,016mm

Als erstes Berechnen wir die Drehzahl:
n = (vc[m/min]*1000) / ( pi*d[mm] )
n = (69m/min*1000) / ( pi*10mm )
n = 2197U/min

Zum weiterrechnen wählen wir die Drehzahl 2200U/min.

Vorschub:
F = n[U/min] * Fz[mm/Z] * z
F = 2200U/min] * 0,016mm/Z * 4
F = 141mm/min

Eingriffsbreite Ae:
Zum Besäumen in Aluminium wählen wir 1/5*Werkzeugdurchmesser = 2mm

Zustellung Ap:
Da wir Besäumen, wählen wir als Zustellung 1*Werkzeugdurchmesser = 10mm

Das Ergibt insgesamt die Werte:
Drehzahl n: 2200/min
Vorschub F: 140mm/min
Eingriffsbreite: 2mm
Zustellung Ap: 10mm

Schlusswort:

Ich weiß dass die Schnittwertberechnerei auf den ersten Blick sehr Aufwändig erscheint. Ob man das braucht, muss halt jeder für sich selbst entscheiden, für mich ist es ein sehr nützliches Werkzeug, grade wenn ich Werkstoffe habe, die nicht SO leicht zerspanbar sind, oder mit teueren Werkzeugen Arbeitet.
Mir ist klar, dass viele die Schnittwerte nach Gefühl einstellen, auch oder besonders Leute die das Beruflich machen. Wenn das für einen selbst am besten funktioniert, perfekt :)

Ich selber rechne die Werte übrigens nicht immer neu aus, ich habe für meine Standardwerkzeuge sowohl eine Tabelle angelegt, als auch die Schnittwerte für jedes Werkzeug und Material (Alu, Stahl, Stahl gehärtet und Kunststoff) im CAM hinterlegt.

Die Punkte Zustellung und Eingriffbreite sind sehr knapp gehalten, das ist eigentlich eine eigene Wissenschaft, und hängt auch sehr von der Frässtrategie ab, also wie man fräst. Vielleicht schreibe ich dazu noch einmal einen extra Absatz, sofern Interesse besteht, vieleicht auch noch einen Abschnitt über kleine Fräser kleiner 2mm und evtl noch was über verschiedene Werkstoffe und was bei der Fräsbearbeitung zu beachten ist.
Ich hoffe, dass das Geschriebene für den einen oder anderen von Interesse ist und vielleicht hilft es manchem ja sogar.

gruß
Stefan

competition
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Re: Kleine Fräserkunde

Beitrag von competition » Mi 29. Mai 2013, 01:43

Super Beitrag zum abspeichern... Danke

LG Gerald
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Re: Kleine Fräserkunde

Beitrag von Lichtbringer » Mi 29. Mai 2013, 02:19

Danke für die Arbeit die du investiert hast. :goodpost:
Gruß, Michael

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Re: Kleine Fräserkunde

Beitrag von Sepp9550 » Mi 29. Mai 2013, 02:29

super Beitrag
Klasse Erklärt :goodpost:

ich Hab zwar auch beruflich mit dem Thema zu tun, aber wie du schon sagt sind das zwei unterschiedliche Sachen da es in der Arbeit nicht auf die Standzeit sondern auf die Zerspanungsleistungs eines Fräsers ankommt.

Das einzige was ich noch ergänzen würde ist dass die Anzahl der Schneiden auch von dem Durchmesser des Fräsers abhängt, so machen bei einen 20er 4 oder 6 Schneiden mehr Sinn als beim 6er Fräser
Ich hab in der Arbeit bei Alu 2 Schneider und bei Stahl 3-4 Schneider genommen, Hintergrund ist der bei Alu größere Vorschub Pro Zahn und die Gößeren Spanräume beim 2 Schneider, beim Stahl sind die Spanräume selten ein Problem wodurch ein Mehrschneider eine Alternative wird, denn da sind höhere Vorschübe möglich(Siehe Formel) und der Fräser ist Stabiler, was Für Stahl und schlimmeres nicht schadet

Was das mit der Zustellung angeht kann ich bestätigen, wenn auch nur auf Industriemaschienen. Sicher ist es gerade auf konventionellen nicht so einfach, aber auch im Praktischen Einsatz wie z.b. eine Nut hat man bei geringen Zustellungen weniger Probleme mit der Spanabfuhr und der Kühlung.
Die Maximale Zustellung von 1xD hab ich selten verwendet.

die Drehzahl ist auch so ein Streitthema, ich bin der Meinung dass es nicht immer sinnvoll ist die errechnete Drehzahl zu verwenden, erstens erreichen die wenigsten Maschinen die Drehzahlen und zweitens kann das eine ziemliche Sauerei ergeben, vorallen mit Kühlschmierung
die Schnittgeschwindigkeit zu halbieren ist eine gute Basis, aber kein muss.


Ich hoffe dass noch jemand auf das Thema Wendeplatenfräser eingeht, ich arbeite zwar beruflich auch gerne damit, aber ein richtiger Experte bin ich darin auch nicht, wäre aber sicher für einige hier interesannt

Fräsen ist eine Kunst, es gibt mehrere Möglichkeiten
Mit freundlichen Grüßen, ein Stefan zu viel

...auf der suche nach dem verlegten Werkzeug

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Re: Kleine Fräserkunde

Beitrag von Rolli60 » Mi 29. Mai 2013, 08:26

Hallo Stefan,

toller Beitrag, alles auf einem Blick.

Ich lese sehr gerne Deine Beiträge.

Grüße

Rolli
Weiler LZ 280, Sixis 103 R

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Re: Kleine Fräserkunde

Beitrag von michi88 » Mi 29. Mai 2013, 08:44

Hi,

vielen Dank für den Beitrag.
Wenn ich auch schon vieles aus der Ausbildung "weiß", ist es doch interessant wie andere arbeiten!

Bzgl. Tiefenzustellung haben wir gelernt: maximal 1,5xD
Ich persönlich halte jetzt 0,1xD als zu gering - kommt natürlich darauf an was man macht. Ich denk jetzt auch mal an Schruppen...

Hintergrund ist der: Wenn man immer 0,1xD zustellt, dann nutzt sich ja nur der unterste Bereich des Fräsers ab. Folglich kann man ihn irgendwann nur noch zum Umfangsfräsen benutzen ohne den unteren Teil...
das ist doch auch nicht soooo doll, oder? :nixweiss:

Gruß

Michael

HansD
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Re: Kleine Fräserkunde

Beitrag von HansD » Mi 29. Mai 2013, 10:03

stefang hat geschrieben: MTC-Fräser:
Leider sehr teuer, aber grade für Besitzer von labilen Maschinen sehr interessant: Diese Fräser haben aufgrund ihrer Geometrie einen sehr geringen Schnittdruck. Sind als Schrupp- und Schlichtfräser verfügbar.


Das Ergibt insgesamt die Werte:
Drehzahl n: 3000U/min
Vorschub F: 270mm/min
Zustellung Ap: 0,6mm
Stefan, vielen Dank für den sehr guten und übersichtlichen Beitrag!

Ich habe ihn für mich in zwei Teilen (Übersicht und Schnittwerte) als Word-Dokument abgespeichert.
Es wäre bestimmt sinnvoll, wenn Du es als pdf (könnte ich notfalls für Dich machen) hier veröffentlichen würdest und ausserdem in der Wissensdatenbank!

Ein paar kleine Anmerkungen hab ich noch:

Was sind MTC-Fräser, wie sehen die aus?

Die Schnittdatenermittlung finde ich auch sehr gut, vor allem wurden die Formelzeichen mal erklärt!

Ich will die Werte überhaupt nicht anzweifeln, sondern diskutieren:
VHM-Fräser setze ich eher selten ein, lieber fräse ich Vollnuten mit HSS-Schruppfräsern und KSS.
Da habe ich gute Erfahrungen gemacht mit d12, z4 und traue mich da inzwischen auf eine Zustellung Ap = 10mm, also 0.8d. Der Fräser läuft da sehr ruhig (mal abgesehen vom Ein- und Austauchen...).
ABER: Den Vorschub halte ich da natürlich sehr niedrig.

Nach Deinem beispiel käme ich auf
n = (vc[m/min]*1000) / ( pi*d[mm] )
n = (20m/min*1000) / ( pi*12mm )
n = 530U/min

Das hätte ich auch so gemacht.

Vorschub:
F = n[U/min] * Fz[mm/Z] * z
F = 530U/min] * 0,03mm/Z * 4 (wobei ich nicht weiss ob 0,03 hier richtig ist!)
F = 64mm/min
ca. 1mm/s, bei einer Steigung von 2mm/Um ca. 0.5Umdrehungen/s kurbeln.
Das kann ich mir noch halbwegs vorstellen, auch wenn ich wahrscheinlich nur den halben Wert erreiche

Dein Beispiel mit 270mm/Min ergäbe 4.5mm/s oder 2.25Kurbelumdrehungen pro Sekunde.
Was mir schon sehr schnell vorkommt und ich mich weder trauen würde noch erreichen könnte (aber Du hast ja CNC, da kann man leicht schneller und öfter ...)

Was mich jetzt in meinem Beispiel interessieren würde:
Sollte ich besser die Zustellung halbieren etc. und dafür den Vorschub verdoppeln etc.?
Wie wären die Auswirkungen auf Standzeit, Belastung des Fräsers, Antriebs?

Hans

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Re: Kleine Fräserkunde

Beitrag von JollyRoger » Mi 29. Mai 2013, 10:16

Vorweg genommen: Sehr guter Beitrag :goodpost:

Bei den Schnittwerten gehe ich nicht nach Katalog sondern nach "altbewährten" Werten

Bei HSS:

-25m/min in gut spanbaren Stahl
-12m/min in schlecht spanbaren Stahl/Edelstahl
-40 bis 50m/min in Alu, Messing usw.

Beim Aufbohren, Senken, Reiben usw. nehme ich ein Drittel davon, bei HM-Werkzeugen die Werte 4-fach nehmen

Warum ich das mache? Weils den Werkzeugen egal ist wenn sie etwas "langsamer" arbeiten, dafür halten sie länger. Irgendwann gehts auch ins Gefühl über, da rechnet man gor nix mehr.

Ich wollts erwähnen.

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Re: Kleine Fräserkunde

Beitrag von Mikado » Mi 29. Mai 2013, 11:36

Auch von mir ein dickes Dankeschön für den Beitrag. :thx: :thx: :thx:

So etwas lässt mich auf einen Schlag auch gleich alle dunklen Wolken vergessen, die in diesem schönen Forum mal gelegentlich auftauch(t)en. :-D

Gruß Peter
Ich hab' die Lösung!
Was mir fehlt ist das Problem.

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Re: Kleine Fräserkunde

Beitrag von stefang » Mi 29. Mai 2013, 11:50

Freut mich, dass das so gut ankommt :)
die Drehzahl ist auch so ein Streitthema, ich bin der Meinung dass es nicht immer sinnvoll ist die errechnete Drehzahl zu verwenden
Absolut richtig, manchmal muss man die Drehzahl auch reduzieren um Schwingungen im Werkstück oder Werkzeug zu umgehen.
Hintergrund ist der: Wenn man immer 0,1xD zustellt, dann nutzt sich ja nur der unterste Bereich des Fräsers ab.
Auch richtig :)
Deswegen brauchts eigentlich immer zwei Fräser, einen zum Vorfräsen, und einem zum Schlichten auf ganzer Höhe.
Es gibt ja auch noch andere Frässtrategien, bei denen immer mit voller Schnitttiefe aber mit sehr geringer Seitenzustellung und hohen Vorschüben gearbeitet wird (Stichwort HSC Bearbeitung), ich nutze das z.B. beim Hartfräsen. Im Hobbybereich ist das zwar nur sehr eingeschränkt möglich, aber ich werds trotzdem mal anreissen.
Was sind MTC-Fräser, wie sehen die aus?
MTC: "Multi task cutting", das sind Werkzeuge für relativ leicht bauende Dreh/Fräskombimaschinen. Die sehen meistens aus wie normale Schlichtfräser, haben aber eine ganz ausgefuchste Geometrie, die Vollnutenfräsen mit 0,5-1x Nenndurchmesser wie mit einem Schruppfräser erlaubt, obwohl er keine Kordelung wie ein Schruppfräser hat.

Das was du zum Vorschub schreibst ist richtig, mit Handvorschub tut man sich schwer, so relativ hohe Vorschübe gleichmäßig(!) zu erreichen, deswegen finde ich an einer Fräsmaschine einen Vorschub zumindest in einer Achse sehr wichtig, und wenns nur ein Scheibenwischermotor mit Regelung ist.

Ich hab grad mal geschaut, Hoffmann gibt bei einem 0815 Schruppfräser 0,019mm/Z Zahnvorschub an, das ergäbe bei dir dann 40mm/min, aber warscheinlich packt er die 64mm/min auch noch leicht.

Ich persöhnlich bin der Meinung dass man am Vorschub nicht zu dramatisch rumdoktoren sollte, den Zahnvorschub würde ich maximal halbieren. Alles andere stelle ich mit der Zustellung ein.

Was noch dazukommt, wenn man nur mit geringer Eingriffsbreite arbeitet wird der Span ja dünner und man könnte den Vorschub nochmal deutlich erhöhen. In so einem Fall muss man den Vorschub über die Spandicke rechnen. Oder man dreht einfach nach Gefühl schneller ;)
Bei den Schnittwerten gehe ich nicht nach Katalog sondern nach "altbewährten" Werten
Jo, die lesen sich so wie unsere Werte in der Lehre :)

Also, es wird auf jeden Fall eine Fortsetzung zum 1. Teil geben.

gruß
Stefan

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