Anfänger/Gelegenheitsbastler mit Fülldraht-Schweißgerät

Limbachnet
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Anfänger/Gelegenheitsbastler mit Fülldraht-Schweißgerät

Beitrag von Limbachnet » So 10. Nov 2019, 23:29

Hallo zusammen,

die preisgünstigen Fülldraht-Schweißgeräte von Lebensmittel-Discountern oder Baumärkten sind hier im Forum gelegentlich kontrovers besprochen und/oder belächelt worden. Ich habe ein solches von Einhell und komme damit für meine (!) Ansprüche ganz gut zurecht. Deshalb hatte ich kürzlich angekündigt, mal ein paar Fotos zu liefern; dann kann ein interessierter Anfänger selbst entscheiden, ob er mit solchen Schweißnähten zufrieden wäre oder nicht.

Zusammenfassung vorab:
Die Rede ist von Fülldraht-Schweißgeräten, dabei ist der Schweißdraht mit Schutzmittel gefüllt, das beim Schweißen verdampft und einen schützenden Gasmantel um die Schweißstelle produziert - so ähnlich wie beim Schutzgas-Schweißen, aber ohne Gasflaschen.
Einschub: Beim Schweißen mit Stabelektroden ist solch Schutzmittel außen um die Elektrode herum angebracht. Mit Elektroden ist dünnes Material unter 2mm Wandstärke für Anfänger nur schwer zu bearbeiten, da brennt man schnell Löcher ins Material. Schutzgas-Schweißgeräte (MIG/MAG) kann man mit dickeren Schweißdrähten und hohem Strom für dickes Material verwenden, aber auch mit dünnen Drähten und niedrigerem Strom für dünnere Bleche. Es gibt Schweißdrähte für Stahl, Edelstahl, Alu und weiteres - also, wer etwas Universelles sucht, der möge IMHO zu einem Schutzgas-Gerät greifen. Allerdings braucht der zusätzlich die Gasflaschen...
Zurück zum Fülldraht: Man kann damit die von Heimwerkern oft verwendeten (und deshalb auch im Baumarkt erhältlichen) Stahlprofile mit 1,5 - 2mm Wandstärke recht gut verschweißen. Wenn etwas dickere Geländer-Materialien verbunden werden sollen, geht das bestimmt auch noch, das habe ich aber noch nicht probiert. Was damit NICHT geht, sind andere Materialien als Baustahl - insbesondere kein Alu. Für Edelstahl soll es einen (teuren) Draht in den USA geben (Blue Demon 308LFC-O / 0.035"), aber das halte ich ich für experimentell. Also: Nur Baustahl. Dafür ohne Gasflasche. Und es werden keine schönen Schweißnähte, weil der Fülldraht beim Schweißen spritzt und einige dieser Spritzer sich auch ordentlich auf der Oberfläche festhalten.

Zur Vorgeschichte: Ich hatte in einem dieser Threads einen Link auf das YouTubeVideo von Manfred Weldinger zum Lidl/Parkside-Schweißgerät gefunden und dachte mir, dass ich damit zufrieden sein könnte; ich hab's dann doch nicht bestellt und kurze Zeit später im Baumarkt ein heruntergesetztes Einzelstück des Einhell-Teils völlig vereinsamt und Mitleid heischend im Regal stehen sehen. Das arme Ding musste ich einfach mitnehmen und dachte mir, zum Reparieren des einen oder anderen Zaunpfahls wird's schon reichen.

Das war dann auch die erste Anwendung. Nun, es hat irgendwie gehalten, sah aber grausig aus. Der Lichtbogen wollte einfach nicht stabil brennen, ging ständig aus und wieder an, furchtbar. Als Ursache habe ich schlechten elektrischen Kontakt wegen Farbe und Dreck am Zaunpfahl vermutet. Später fiel mir ein Projekt ein, zu dem einige Vierkantprofile 20x20x1,5mm verbunden werden mussten, also 'ran an den Speck. Das Einhell-Teil verarbeitet Fülldraht mit 0,9mm Durchmesser und kann mit einem Strom von 45A oder 90A schweißen, dabei ist 45A für die Profile geeignet. Das LIDL-Gerät hat IIRC vier Stufen für den Schweißstrom.

Was braucht man dafür neben dem Schweißgerät und dem Fülldraht? IMHO unbedingt ein Paar richtig dicker Schweißhandschuhe mit Stulpen, denn als Anfänger sollte man den Brenner mit beiden Händen führen. Dabei ist eine Hand recht nah an der (spritzenden) Schweißstelle, da ist dickes Leder über der Hand schon sehr beruhigend. Ein Automatik-Schweißhelm ist IMHO ebenso unverzichtbar. Ohne diesen muss man nämlich in einer Hand den Schweißschirm halten, und dann kann man natürlich den Brenner nicht mehr beidhändig führen. Ich habe einen einfachen Baumarkt-Automatikhelm aus der 50,-€-Klasse, der ist nicht besonders bequem, funktioniert aber. Nicht unbedingt nötig, aber SEHR hilfreich ist ein Schweißtisch, auf dem man die zu verbindenden Teile fixieren kann und der auch die elektrische (Masse-) Verbindung der Teile übernimmt. Eine Drahtbürste ist auch unverzichtbar. Und ein Raum, der gut belüftet ist und wo herumfliegende Funken kein Feuer auslösen können - das dürfte meist eine Garage sein.

Bei mir sieht das aktuell so einfach aus:
Tisch.jpg
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Trotz gutem elektrischen Massekontakt der Teile waren die ersten Schweißnähte nur minimal besser als bei den Zaunpfählen. Keine Bange, das wird noch besser.
Doof.jpg
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Das taugt so nix. Also, das klebt schon irgendwie, ist aber nicht wirklich stabil. Also Winkelschleifer her und wieder 'runter damit:
Doof_Schliff.jpg
Doof_Schliff.jpg (47.47 KiB) 893 mal betrachtet
Da sieht man auch prima, dass der Schweißdraht nicht wirklich mit dem Basismaterial verschmolzen ist. Kein Wunder, der Lichtbogen brannte immer noch nicht stabil, was ein grässliches Gebratzel und Gespritze zur Folge hatte. Der elektrische Kontakt hatte damit aber nichts zu tun - der Schuldige war der Drahtvorschub. Die Vorschubrolle ist in der Führungsnut spiegelglatt und kann daher weniger Kraft auf den Draht geben als eine leicht geriffelte Rolle. Und der Widerstand des Schlauch"pakets" ist nicht sooo klein, und dann ist die Drahtrolle auch noch gebremst, das passt nur schlecht zusammen. Ich habe quick and dirty einfach jegliche Bremse der Drahtrolle entfernt und prompt wurde die nächste Naht deutlich besser.
Geht2.jpg
Geht2.jpg (28.82 KiB) 893 mal betrachtet
Da musste ich nur einmal neu ansetzen, weil ich am Ende der Naht zu früh abgesetzt habe. So 2-3 Nähte weiter hatte ich dann den hobbytauglichen Dreh für einfache Stumpfnähte heraus; das geht jetzt auch reproduzierbar:
ok3.jpg
ok3.jpg (39.6 KiB) 893 mal betrachtet
Ich hab' auch mehr Beweisfotos von anständig gewordenen Nähten. Ach, diese Nähte sind alle mit der Drahtbürste abgeputzt, damit man auch etwas erkennen kann - im Rohzustand sah die Naht aus dem vorherigen Foto so aus:
ok3roh.jpg
ok3roh.jpg (42.68 KiB) 893 mal betrachtet
Wenn man das mit der Schrupp- oder Fächerscheibe verputzt, dann sieht man den anständigen Einbrand:
ok_Schliff.jpg
ok_Schliff.jpg (40.38 KiB) 893 mal betrachtet
Damit kann ich leben, Zaunpfähle, Tischgestelle oder Regalstreben in Sonderformen bekomme ich so hin und mehr brauche ICH bisher nicht. Kehlnähte muss ich noch ein wenig üben.

Was das überhaupt werden soll? Ein Gestell für einen universellen Werktisch in der Mitte des Bastelkellers. Dazu mehr in einem neuen Thread, wenn man etwas mehr sehen kann.
Schöne Grüße,
Matthias

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Re: Anfänger/Gelegenheitsbastler mit Fülldraht-Schweißgerät

Beitrag von Hägar » Mo 11. Nov 2019, 05:50

Ich wollte auch schon lange so ein Teil, vielleicht kommen noch ein paar Anwender zu Wort hier.

Etwas OT, wie zum Geier kommt eigentlich die "Füllung" in den Draht? Das frage ich mich seit Ewigkeiten auch schon beim Lötzinn und dem Flußmittel. :pfeif:
Es hat schon seinen Grund warum alle Teleskope, die intelligentes Leben suchen von der Erde weg gerichtet sind! :pfeif:

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Re: Anfänger/Gelegenheitsbastler mit Fülldraht-Schweißgerät

Beitrag von FriesenSpan » Mo 11. Nov 2019, 08:33

Informativer und vor allen Dingen objektiver Beitrag :handshake:

Endlich mal Jemand, der sich wirklich Mühe gibt,
einen Billig-Artikel ernsthaft und zielstrebig zu testen.
Meistens werden solche Dinge ja einfach nur zerlabert,
ohne wirkliche Fakten einzubringen.
Als Perfektion jetzt vielleicht noch an einer Stumpfnaht
den Bruchtest machen?
Insgesamt: :goodpost:


@Hägar
Ganz einfach: man nimmt einen normalen Schweißdraht,
bohrt ein Loch rein und füllt das wieder auf. :nixweiss:

Bei MKM habe ich mal gesehen, wie die Heizschlangen
für Haus- und Gastronomiegeräte hergestellt werden.
In ein "zu großes" Rohr wird der Heizdraht gehängt, das
geht schon mal über etliche Meter.
Dann wird das untere Ende mit dem Anschluss versehen
und von Oben Sand (?) eingefüllt. Danach das obere Ende
ebenfalls mit Anschluss versehen und dann wird die so
enstandene Spaghetti-Heizung auf Maß dünner gerollt.
Abschließend in seine geometrische Form gebogen.
Zuletzt geändert von FriesenSpan am Mo 11. Nov 2019, 08:40, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Anfänger/Gelegenheitsbastler mit Fülldraht-Schweißgerät

Beitrag von Hägar » Mo 11. Nov 2019, 08:38

FriesenSpan hat geschrieben:
Mo 11. Nov 2019, 08:33


@Hägar
Ganz einfach: man nimmt einen normalen Schewißdraht,
bohrt ein Loch rein und füllt das wieder auf. :nixweiss:
Geil, das laß ich mir von Dir zeigen, nächsten Sommer bin ich wieder in der Gegend. :pfeif:

Deiem Lob an den "Tester" kann ich nur zustimmen.
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Re: Anfänger/Gelegenheitsbastler mit Fülldraht-Schweißgerät

Beitrag von FriesenSpan » Mo 11. Nov 2019, 08:40

Bei dieser Besuchs-Androhung musste ich noch nachlegen ... :pfeif:

Würde mich freuen :trink2:


End of :offtopic:
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Re: Anfänger/Gelegenheitsbastler mit Fülldraht-Schweißgerät

Beitrag von stefangtwr » Mo 11. Nov 2019, 08:44

Zumindest die Fülldrähte die ich mir aus Neugier genauer angeschaut habe, waren aus spiralig einem Blechband geformt - Quasi ein Miniaturwickelfalzrohr.

gruß
Stefan
Hartmetall ist besser.

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Re: Anfänger/Gelegenheitsbastler mit Fülldraht-Schweißgerät

Beitrag von Trutenpugel » Mo 11. Nov 2019, 08:55

Moin!
Hier: https://www.youtube.com/watch?v=5FZPSswmNfY wird gezeigt, wie das Gas in den Fülldraht kommt.
So reingeschüttelt eben. :klugscheiss:
Mich reißt Fülldraht nicht wirklich vom Hocker. Aber ich finde es spannend und gut, wenn Befürworter das Wort ergreifen und Überzeugungsarbeit leisten. Im Laufe der Jahre habe ich einiges dazu lernen können. In meiner Lehrzeit hat man uns noch eingebläut, dass man Aluminium nicht schweißen kann. Dagegen sprechen ja heute auch einige AC- Geräte in den Bastlerkellern.

Grüße von Mario.
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Re: Anfänger/Gelegenheitsbastler mit Fülldraht-Schweißgerät

Beitrag von Hägar » Mo 11. Nov 2019, 09:06

Danke für den Link.
Die beschreiben dort Fülldrahtschweissen als anspruchsvolle Technik, was der allgemeinen Meinung hier widerspricht.
Ist das nur im Zusammenhang mit "Billiggeräten" gemeint oder "lügt" der Hersteller?
Es hat schon seinen Grund warum alle Teleskope, die intelligentes Leben suchen von der Erde weg gerichtet sind! :pfeif:

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Re: Anfänger/Gelegenheitsbastler mit Fülldraht-Schweißgerät

Beitrag von Trutenpugel » Mo 11. Nov 2019, 09:14

Hallo Hägar!
Ich glaube, dass Fülldraht nicht gleich Fülldraht ist. Wenn in China die Füllung alle ist, kommt da eventuell mal etwas anderes in die Röhre... oder mal nichts. :nixweiss:

Ist die Schweißerei mit diesem Zeug bei einfacher Lage in Gange, klappt das scheinbar gut. Gas Vor- und Nachströmzeit oder am Gasdruck kann man da jedoch (noch)nicht regeln.

Grüße von Mario.
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Re: Anfänger/Gelegenheitsbastler mit Fülldraht-Schweißgerät

Beitrag von gerhard_56 » Mo 11. Nov 2019, 10:10

Die oben gezeigten Beispiele zeigen ja schon, dass die richtige Wahl der Parameter (Stromstärke, Drahtvorschub, Qualität des Schweissdrahtes) ganz entscheidend für die Qualität der Schweissnähte sind, insbesondere beim Fülldrahtschweissen. Im industriellen Umfeld mit nahezu gleichbleibendem Bedingungen sucht man die richtige Einstellung und erhält dann gleichbleibend gute Ergebnisse. Im Hobbybereich ändern sich die Parameter sehr oft, z.B. zu verschweissendes Material und/oder seine Stärke und dann sucht man ständig an den richtigen Einstellungen und wenn man eine Rolle mit schlechtem Schweissdraht erwischt hat, dann ärgert man sich damit schwarz, in der Industrie schmeißt man den weg und nimmt einen besseren Schweissdraht. Letztlich wirkt sich natürlich auch das verwendete Schweissgerät ganz erheblich auf das Schweissergebnis aus und günstige Geräte für den Heim- und Hobbybereich kommen einfach schneller an ihre Grenzen, insbesondere wegen der relativ einfach gehaltenen Drahtvorschüben.
Für mich sind alle Schweissverfahren mehr oder weniger anspruchsvoll, sie haben alle ihre Vor- und Nachteile. Wenn ich mich aber mit einem Verfahren einmal intensiv auseinander gesetzt habe und weiß wie ich mein Gerät einstellen muss, dann ist es für mich einfach anwendbar, während ein anderer schier in die Verzweiflung getrieben wird.

Ich habe vor vielen Jahren mit einem autogen Schweissplatz angefangen, danach kam dann eine MIG/MAG Maschine und inzwischen habe ich auch noch ein leistungsfähiges WIG AC/DC Gerät das natürlich auch MMA kann. Insofern ist für mich Fülldrahtschweissen zwar eine interessante Technik, aber keine wirkliche Option mehr. Wenn jemand aber bei Null anfängt und nur Stahl schweissen will und das vor allem im Außenbereich, für den könnte diese Technik genau das richtige sein und dazu hilft es dann enorm, solche plakativen und gut beschriebenen Anwendertests zu haben, deshalb :thx: für den Beitrag und bitte noch ein paar andere, häufig anfallende Schweissnähte machen und zeigen.
Viele Grüße, Gerhard

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