Richtiges Reinigen und Ölen von Sinterlagern

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raidy
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Richtiges Reinigen und Ölen von Sinterlagern

Beitrag von raidy » Sa 16. Apr 2016, 17:57

Richtiges Reinigen und ölen von Sinterlagern

Ich sammle und restauriere alte Maschinen, meist Stirlingmotoren, Flammenfresser, aber auch andere Raritäten.
Oft befinden sich darin Jahrzehnte lang verölte Sinterlager, total verharzt. Austauschen wäre der einfachste Weg, doch oft sind es Sondermaße die nicht oder nur schwer wieder zu bekommen sind.
Heute zeige ich euch eine einfache und sehr effektive Methode, wie man alte Sinterlager fast zu 100% sauber und neu geölt bekommt.

Kleine Grundlage Sinterlager:

Sinterlager sind sehr vereinfacht gesagt gepresste Metallkügelchen, welche dann unter Hitze leicht miteinander verschmolzen werden.
In ihnen befinden sich viele Hohlräume, welche Schmierstoffe aufnehmen können. Diese geben sie dann im Betrieb sehr langsam ab.
Daher sind Sinterlager sehr langlebige Lager. Leider ist aber irgendwann das Ende doch erreicht, da
- kein Schmierstoff mehr im Lager ist
- viel Schmutz in die Hohlräume vorgedrungen ist und diese verstopft
- Harze und andere Stoffe die Oberfläche verklebt haben.
Nun wird es Zeit für eine grundlegende Reinigung und Neuschmierung des Sinterlagers.
Das Problem:
- Wie bekomme ich den Dreck aus den Hohlräumen?
- Wie bekomme ich genügend Öl in die Hohlräume?

Hier zeige ich euch eine sehr einfache und trotzdem sehr effektive Methode:

1) Reinigung
Ich reinige meine Sinterlager wie folgt:

a) Außenreinigung mit Aceton

Einfach mit einem Baumwolllappen und Aceton das Lager erst mal gut vorreinigen. Vor allem innen an der Gleichfläche einen Baumwolllappen durch schieben in Acteon tränken und ein paar mal vor und zurück ziehen.

b) Innenreinigung
Eine Innenreinigung funktioniert eigentlich nur wirklich gut unter Vakuum. Ein Ultraschallbad (habe ein starkes) bringt zwar auch schon viel, aber diese Methode bringt noch mehr:
1) Man kaufe bei Apotheker eine Spritze, deren Innendurchmesser größer ist, als das Lager. Keine Sorge, der hat Spritzen mit 25mm und mehr Innendurchmesser und die kosten wenige Euros. Beim Landtierarzt gibt es Plastikspritzen von 50mm Innendurchmesser und mehr.
[ externes Bild ]
2) In diese Spritze legt man nun das vorgereinigte Sinterlager
3) Jetzt füllt man Aceton in die Spritze. Benzin, Verdünner, Spiritus geht auch, aber Aceton ist der Entfetter schlechthin.
4) Nun den Kolben rein und die Luft erst mal ausdrücken, bis nur noch das Lager und das Aceton drin ist.
5) Vorne mit dem Zeigefinger zuhalten und kräftig an der Spritze ziehen. Es entsteht nun ein gewaltiger Unterdruck. Ihr werdet sofort sehen, wie Luftbläschen und übelster Dreck aus dem Lager wandern. Diesen Unterdruck mind. 1 Minute halten.
Bei Bedarf den gesamten Vorgang mit neuen Aceton 2-3 mal wiederholen, bis das Aceton nicht mehr dunkel wird.

Das Lager ist nun porenfrei sauber! Jetzt muss aber das Aceton da wieder raus, weil sonst kein Platz fürs Öl ist.

Also Lager erst mal von Hand abwischen und dann einen Baumwolllumpen wie abgebildet rein drehen:
[ externes Bild ]
Und nun ab in den Backofen mit 100 Grad oder ein Tag in die Sonne. Das Acceton verdunstet nun vollständig. Nun habt ihr ein sauberes total trockenes Lager.


Ölen des Lagers:

Jetzt muss ja frisches Öl ins Lager. Ich glaube ihr ahnt es schon.
1) Lager in die Spritze
2) Öl in die Spritze
3) Kolben rein, Luft raus
4) Vorne zuhalten und kräftig durchziehen
Wieder seht ihr Massen von winzigen Blasen, welche aus dem Lager entweichen, nur dieses mal ohne Dreck.
Jetzt kommt der schmerzhafte Teil: Ihr müsst dieses Vakkuum mind. 2-3 Minuten halten, damit auch die letzte Blase den Weg nach außen findet.
Die Blasen steigen nun langsam nach oben, das sieht ungefähr so aus:
[ externes Bild ]
Wenn alle Blasen aufgestiegen sind, den Finger vom Ausgang wegnehmen. Schlagartig verschwinden die Blasen und das Öl zieht ins Lager ein.
[ externes Bild ]
Wer will drückt die Luft aus der Spritze, hält sie zu und drückt mit voller Power, so dass das Öl noch gewaltsamer eingepresst wird.
Dies kann man 2-3 mal wiederholen, aber schon beim ersten mal hat man 99% des Öls drin.

Diese Methode wende ich schon seit rund 20 Jahren an und habe nur gute Erfahrungen damit gemacht.
Ich gebe aber zu, dass ich ein Vakkuumgerät habe und es damit bei größeren Lagern und Mengen einfacher geht.

Zum Öl möchte ich eigentlich nichts sagen, Öle sind immer Glaubenskriege. Ich selbst verwende eher sehr zähe Öle, da diese länger schmieren.
Bei Maschinen >1Watt nehme ich auch Getriebe- und Bettbahnöl.

Ich hoffe diese Info hat de einen oder anderen geholfen.

Gruß Georg

P.S.: Als Baden-Württemberger darf ich die Schreibfehler drinnen lassen. Sondererlass von Kretschmann. :muahaha:
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Re: Richtiges Reinigen und Ölen von Sinterlagern

Beitrag von findus » Sa 16. Apr 2016, 19:17

Moin!

Danke für die Erläuterung!

Das werde ich mir merken. Ich repariere ja grundsätzlich auch lieber, anstatt wegzuschmeißen und Sinterlager kommen einem ja doch öfters unter.

Ich kenne übrigens noch die Variante, die Lager nach dem Reinigen in heißes Öl zu legen. Quasi das Öl in die Poren "reinkochen". Ich glaube, die Tage hat mal jemand hier genau das auch beschrieben.

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raidy
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Re: Richtiges Reinigen und Ölen von Sinterlagern

Beitrag von raidy » Sa 16. Apr 2016, 23:59

findus hat geschrieben:Ich kenne übrigens noch die Variante, die Lager nach dem Reinigen in heißes Öl zu legen. Quasi das Öl in die Poren "reinkochen".
Das ist die übliche und oft genannte Variante. Sie ist auch gut, sie wirkt, sie hilft, sie reinigt. Aber ich meine im Vakuum holst du das letzte raus. Und weil es so einfach geht, man kaum Öl braucht und nicht kochen muss, mache ich es lieber so. soll jeder selbst entscheiden, ich wollte halt mal eine Alternative zeigen.
Gruß Georg
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Posti
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Re: Richtiges Reinigen und Ölen von Sinterlagern

Beitrag von Posti » So 17. Apr 2016, 00:30

Hi

Günstiges Vakuum kannst Du mittels Kühlschrank-Kompressor und einem alten Topf 'machen'.
Habe selbst einen *schätz* 30er Topf mit Glasdeckel und Entlüftungsloch auf einen Druckluft-ANschluß 'umgerüstet' umd in den Deckel eine Dichtung eingelegt (Moosgummi Rundschnur).
Mittels des Kühlschrank-Kompressor wird die Luft abgesaugt und im Topf verbleibt ... nahezu Nix.

Der erste Test sollte ggf. mit abgedecktem Topf durchgeführt werden, sofern der Topf oder der Glasdeckel das Vakuum doch nicht abkann.
MfG
Patrick

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Oliver M
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Re: Richtiges Reinigen und Ölen von Sinterlagern

Beitrag von Oliver M » So 17. Apr 2016, 01:25

Hallo Georg

Vielen Dank für die Anleitung, sehr hilfreich !

Um einen Eindruck davon zu bekommen welche Öle grundsätzlich geignet sind hier ein PDF.
Dort sind auf Seite 11 einige Öle genannt, hauptsächlich Hydrauliköl.
Die allgeminen Informationen sind auch sehr interessant.
http://www.sintershop.de/images/bilder/ ... haften.pdf

Gruß Oliver
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raidy
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Re: Richtiges Reinigen und Ölen von Sinterlagern

Beitrag von raidy » So 17. Apr 2016, 01:33

Danke Oliver, ein wirklich informativer Link. Da lag ich ja mit meinen "dicken" Ölen gut.
Gruß Georg
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