Spindellager (Gleitlager) am Beispiel "ARISTON" einstellen

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spansau
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Spindellager (Gleitlager) am Beispiel "ARISTON" einstellen

Beitrag von spansau » So 2. Mär 2014, 00:37

Auf mehrfachen Wunsch hier eine Anleitung zum Einstellen der Spindellager.
Auf wunsch vom anderen Beitrag separat erstellt.

Benötigtes Werkzeug:
2 x Hakenschlüssel mit Zapfen DIN 1810 Form B (für Kreuzlochmuttern) 68 - 75 mm
2 x Hakenschlüssel DIN 1810 Form A (für Nutmuttern) 80 - 90 mm
Hakenschluessel_Mit_Zapfen_DIN_810_Form_B.jpg
Hakenschlüssel mit Zapfen DIN 1810 Form B
Hakenschluessel_DIN_1810_Form_A.jpg
Hakenschlüssel DIN 1810 Form A
  • 1.---Auf ausreichende Schmierung achten. Unter die Glocke für das Axiallager verwende ich Molykote Fett wie z. B. für Gleichlaufgelenke an Fahrzeugantriebswellen, die Spindellager bekommen von mir regelmäßig Öl
    2.---als Allererstes den Riemen entspannen!
    3.---Kreuzlochmuttern des Axiallagers lösen und Axialspiel erhöhen
    4.---die Muttern 1-4 lösen
    5.---entweder mit den Muttern 1 bzw. 3 die konischen Lagerschalen tiefer in die konischen Bohrungen des Spindelstocks hineinziehen (Spiel Verringern) oder mit Mutter 2 bzw.4 herausziehen (Spiel erhöhen)
    5.---Die Muttern 1 und 2, sowie 3 und 4 gegeneinander wieder kontern.
    7.---Radialspiel sowie Leichtgängigkeit überprüfen und bei Bedarf korrigieren
    8.---Axialspiel neu einstellen.[/size]
DSC04661_a1.png
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DSC04940_a1.png

Besonders wichtig ist es, hinterher im Betrieb die Lagertemperatur zu überwachen. damit sie nicht festlaufen und fressen.
Mit dem Handgelenk, da wo man den Puls fühlt, kann man die Axiallagerglocke und die beiden Lagersitze der Gleitager antasten. Wird das Gehäuse angenehm warm, sodaß es sich nicht schon heiß anfühlt, also normale Betriebstemperatur, - dann ist das Spiel nicht zu eng.
Sollte es heiß werden, dann ist natürlich das Spiel sofort zu erhöhen.
Gruß
Max

diggi
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Re: Spindellager (Gleitlager) am Beispiel "ARISTON" einstell

Beitrag von diggi » So 2. Mär 2014, 22:09

Hi Max,

Danke! Könntest Du vielleicht auch nochmal ein paar Worte darüber verlieren, wie man sich nach dem Wiedereinbau der Spindel vortastet? Meine Idee wäre, eine Rundstange ins Fütter oder einen Fräsdorn in die Spindelspannen, bis "spielfrei" festziehen und die Temperatur beobachten. Geht das so? Mit warmlaufen lassen - zu warm - abkühlen lassen - lösen - usw. kann wohl mal die ein oder andere Stunde verbraten werden wie ich das sehe, oder? :o
Gruß
Dirk

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spansau
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Re: Spindellager (Gleitlager) am Beispiel "ARISTON" einstell

Beitrag von spansau » So 2. Mär 2014, 22:53

diggi hat geschrieben:Meine Idee wäre, eine Rundstange ins Fütter oder einen Fräsdorn in die Spindelspannen
Solange so ein "Griffstück" keine Auswirkung auf die Lager hat, geht das. Mit etwas Fingerspitzengefühl, und das meine ich wörtlich, merkst Du schon, ob die Spindel frei läuft oder klemmt.
Eines mußt Du beachten:
beim Kontern macht sich so eine Art Umkehrspiel der Gewinde bemerkbar, und da mußt Du Dich vortasten.
Das soll heißen, daß Du die Muttern leicht anziehst, und je nachdem wie sich das Spiel anfühlt, in die eine oder andere Richtung mit Hakenschlüssel und Schonhammer leicht nachklopfst.
Es ist so eine Art "Einschießen auf den richtigen Punkt".
Aber bitte keine Gewalt!

Wenn man es intus hat, und das geht schnell, dauert es keine Stunden. Außerdem merkt an es bei der Drehbank am Drehergebnis, ob die Lager eng genug sind, und auch beim Fräsen bleibt das Rattern aus, sofern man die Maschine nicht überschätzt.
Meine Devise ist immer die, daß ich mich von unten her an die Schnittleistung der Maschine herantaste, und dann langsam steigere, bevor was um die Ohren fliegt.

Das größte Gift für die Maschine sind immer stumpfe Werkzeuge.
Gruß
Max

diggi
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Re: Spindellager (Gleitlager) am Beispiel "ARISTON" einstell

Beitrag von diggi » So 2. Mär 2014, 23:15

Super! Danke!

Muss nur noch 392 andere Sachen fertigmachen, dann kann ich auch schon restaurieren :wall:
Gruß
Dirk

42crmo
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Re: Spindellager (Gleitlager) am Beispiel "ARISTON" einstell

Beitrag von 42crmo » So 2. Mär 2014, 23:28

Bis spielfrei festziehen geht natürlich nicht.
Bei absolut intakten Gleitlager sind evtl 2/100mm Spiel im kalten Zustand drin.
Wahrscheinlich eher mehr.Das ist das Mindestspiel um den Schmierfilm im Betrieb sicherzustellen.
Geschlitzte Gleitlager im Kegelsitz haben zudem oft die unangenehme Eigenschaft das ein zu stramm eingestelltes Lager sich oft nicht mehr freiwillig Lösen lassen.
In dem Fall müsste man das Lager ausbauen,Dehnen und Papierstreifen in den Lagerschlitz zur Einstellung verwenden.

Versucht man mit der Lagereinstellung die bestmögliche Oberflächenqualität herauszuholen
werden die Dinger unweigerlich Klemmen. Ganz besonders wenn das Lager leicht eingelaufen ist.
Gleitlager nehmen dann gerne eine Eiform ein.

Gruß von einem Gleitlagergeschädigten.

Michael

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spansau
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Re: Spindellager (Gleitlager) am Beispiel "ARISTON" einstell

Beitrag von spansau » Mo 3. Mär 2014, 07:35

42crmo hat geschrieben:Versucht man mit der Lagereinstellung die bestmögliche Oberflächenqualität herauszuholen
werden die Dinger unweigerlich Klemmen.
Hierzu hätte ich erwähnen müssen, daß für eine Dreh- oder Fräsprobe auch erst mal die restlichen Führungen wie Support, Bettschlitten bzw. Frästisch und Höhenschlitten spielfrei (spielarm) sein sollten. Sonst bringt das Ganze nichts.
42crmo hat geschrieben:Bei absolut intakten Gleitlager sind evtl 2/100mm Spiel im kalten Zustand drin.
Gut, daß Du das erwähnst. Zum Einstellen sollte man natürlich vorher die Maschine auf Betriebstemperatur bringen. Damit verhindert man am ehesten einen doch noch unerwarteten Klemmer.
Das gilt auch beim Drehen selbst im normalen Betrieb!
Gruß
Max

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Re: Spindellager (Gleitlager) am Beispiel "ARISTON" einstell

Beitrag von 42crmo » Di 4. Mär 2014, 06:29

Mein letztes ölgeschmiertes Gleitlager (Kärger) klemmte, bevor es eine Betriebstemperatur erreichen konnte.
Deswegen meine ich das es ratsamer wäre eine gewisse Voreinstellung im kalten,ungeschmierten Zustand zu finden.Damit hätte man ein Richtmaß was sich halbwegs Ermitteln lässt.
Das meine Gleitlagerspindel geklemmt hat daran war ich sogar selber Schuld.
Da die Oberflächen beim Drehen von diversen Stahlsorten nicht meinen Erwartungen (moderne Wälzlager) entsprach, versuchte ich das Gleitlagerspiel nochmals zu verringern (1/100mm).

Ergebnis: Angelaufen,gebremst und Spindel klemmt.

Michael

Vaugeh
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Re: Spindellager (Gleitlager) am Beispiel "ARISTON" einstell

Beitrag von Vaugeh » Di 4. Mär 2014, 11:57

Hallo Max,

danke für deine hilfreichen Tips.
Ich habe vor einiger Zeit eine Drehbank mit Gleitlagern überholt, die Lager zum Glück aber nicht ausgebaut. Sonst müsste ich sie wahrscheinlich einschaben.
Zur Einstellung des Spiels habe ich allerdings noch Fragen:
In welcher Reihenfolge sollte man das Spiel einstellen? vorderes Spindellager, dann hinteres Lager, dann Axiallager?
Wie misst man sinnvollerweise das Spiel? Mit welchem Hebel und welcher Kraft sollte man die Spindel bewegen? Was sind da deine Erfahrungen?
Es wäre schön, wenn du deine Beschreibung noch um das Thema der Messung ergänzen würdest.

Gruß,
Joachim

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Re: Spindellager (Gleitlager) am Beispiel "ARISTON" einstell

Beitrag von spansau » Di 4. Mär 2014, 12:46

Vaugeh hat geschrieben:In welcher Reihenfolge sollte man das Spiel einstellen? vorderes Spindellager, dann hinteres Lager, dann Axiallager?
Hallo Joachim,
so, wie ich es aufgezählt habe, das Axialspiel logischerweise zuletzt, da die Spindellager in den Gußbohrungen des Spindelstocks ja auch axial verschoben werden. Deshalb muß man ja auch das Axiallager zuerst mal lösen und das Spiel ausreichend erhöhen. Welches von den beiden Radiallagern zuerst, ist m. E. egal., Haupsache, der Druck vom Antrieb her ist weg.
Vaugeh hat geschrieben:Wie misst man sinnvollerweise das Spiel? Mit welchem Hebel und welcher Kraft sollte man die Spindel bewegen?
Ich nehme keine Meßuhr, habe mich bisher immer auf mein Fingerspitzengefühl verlassen. Klingt vielleicht anmaßend, aber ist halt so. Muß wahrscheinlich jeder selber herausfinden.
Vielfach sind ja die bereits erwähnten anderen Parameter wie Führungen, stumpfe, an der Spitze nur leicht augebrochene (im Zweifel mit einer Lupe anschauen) oder falsch geschliffene Drehstähle für ein schlechtes Drehergebnis verantwortlich.
42crmo hat geschrieben:Deswegen meine ich das es ratsamer wäre eine gewisse Voreinstellung im kalten,ungeschmierten Zustand zu finden.Damit hätte man ein Richtmaß was sich halbwegs Ermitteln lässt.
Michael,
Da das Spiel ja bei Betriebstemperatur wichtig ist, sollte es da ja auch eingestellt werden. Sicher ist es richtig, daß im kalten Zustand auch genügend Spiel vorhanden sein muß, aber warum ohne Schmierung? Du entölst ja zum Nachstellen die Lager auch nicht.
Gruß
Max

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Re: Spindellager (Gleitlager) am Beispiel "ARISTON" einstell

Beitrag von 42crmo » Di 4. Mär 2014, 16:32

aber warum ohne Schmierung?
Um einen wiederholbaren Messwert als Startpunkt zu bekommen.
Dazu kommt das die Lagerspannmuttern eine Steigung besitzen die samt Hakenschlüssel
keine besonders feinfühlige Einstellung zulassen.

Ist das Radialspiel schon zu stramm und man versucht wieder etwas zu lösen, muss man noch den Einstellkonus der ebenso etwas ruppig löst bedenken.
Meist ist dann die gesamte Einstellung beim Teufel und man darf wieder von vorne anfangen.
Dazu kommt noch das einige so wie ich etwas grobmotorisch veranlagt sind.
Deshalb wäre ein Startmaß schon brauchbar.

Viel Geduld sollte man beim Gleitlager einstellen auch haben.

Da ein gutes und gut eingestelltes Gleitlager sich nur wenig erwärmt und sich Lagerbronze mehr als die Stahlwelle ausdehnt was allerdings vom GG Lagergehäuse aufgefangen wird,demnach muss das Lagergehäuse ebenso sauber und Mackenfrei sein.
Jedenfalls bekommt man durch die Reibung erst dann Hitzeklemmer wenn das Spiel eh schon
deutlich zu klein ist.

Michael

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