Eine Seitenbalanciermaschine

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Martin.
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Eine Seitenbalanciermaschine

Beitrag von Martin. » Sa 13. Jan 2018, 19:43

Guten Abend allerseits,

nachdem ich den Sommer damit verbracht habe mein im Frühjahr erworbenes Auto in einen fahrbaren Zustand zu versetzen und mich auch ausgiebig auf großen und kleinen Ausfahrten damit vergnügt habe, musste was neues für die Wintersaison her, das nichts mit Autos zu tun hat.
Ein Besuch im Deutschen Museum brachte dann die Erkenntnis das Seitenbalancier Dampfmaschinen wie sie in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts auf Raddampfern verwendet wurden doch recht exotisch anzusehen sind und als Modell auch selten anzutreffen sind.
Ein wirkliches detailliertes Modell einer realen Maschine zu bauen hätte mich in jeder Hinsicht überfordert, also hab ich beschlossen eine vereinfachte Maschine nach eigenen Vorstellungen zu bauen. Hauptsache macht Spaß und am Ende läuft sie und sieht halbwegs nett aus.
Parallel zum Baufortschritt habe ich meine Werkstatt, die bisher nur aus Drehmaschine und Tischbohrmaschine bestand aufgerüstet, Ich lasse das hier einfach mal mit einfließen, dann versteht man auch leichter warum manches gelaufen ist wie es ist.

Also erstmal grob aufgemalt wie es werden soll und Material aus der Restekiste gefischt.
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Zum Zuschneiden nehme ich diese Druckluftbandsäge. Sägt richtig geil, nur leider auch richtig laut und mit riesen Luftverbrauch.
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Damit kommen wir zur ersten und größten Neuanschaffung - eine Fräsmaschine. Optimum F320, 20 Jahre alt aber unbenutzt noch auf der Transportpalette stehend und mit Massen an mittlerweile verharztem Konservierungsöl überzogen. Als einziges Zubehör gabs einen "Ausdrehkopf 50mm" und einen Aufnahmedorn für Walzenstirnfräser dazu. Was auch immer der Vorbesitzer damit vorhatte ....
Hier ist schon der zu 43Euro dazu erworbene Schraubstock montiert.
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Viel kann man mit der Ausstattung ja leider noch nicht anfangen, aber zumindest lässt der Ausdrehkopf sich als Schlagzahn missbrauchen und die ersten Außenkanten können etwas begradigt werden.
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Dies als Voraussetzung zum Einsatz einer weiteren Neuanschaffung - eine Anreißplatte. Eigentlich nur ein Stück Flachstahl das mir mein Freund überschliffen hat, den sehr billigen Höhenreißer mit dem leider nicht funktionalen Nonius haben wir hier schon vor längerem behandelt.
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Jetzt die beiden Platten aus denen die Rahmen der Maschine werden sollen verschraubt
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gemeinsam gesägt und gebohrt
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Das mit dem Ausbohren erschint jetzt etwas merkwürdig, aber noch habe ich keinen einzigen Fräser und deshalb hab ich erstmal angefangen alles zum Feilen vorzuarbeiten.

Die Außenkanten weiter bearbeitet in der Zeit die zum Abkühlen der Bohrmaschine nötig war
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Danach wieder ein Einsatz für den Ausbohrkopf
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Mittlerweile konnte ich ein paar Fräser erwerben zum Bearbeiten der Innenkontur. Die Idee mit den Bohrern zum Ausrichten ist geklaut im Dampfforum.
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da sind sie - meine ersten Frästeile nach fast 30 Jahren
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Nun braucht es eine Grundplatte auf die die beiden Seitenrahmen verschraubt werden. Schön zu sehen wie krumm ein gewalzter Stahl ist.
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... und noch schöner was der Ausdrehkopf daraus macht.
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Jetzt kann man schon so etwa ahnen wie es wird - ok. ich bilde mir das ein.
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geht gleich weiter ....

Martin.
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Re: Eine Seitenbalanciermaschine

Beitrag von Martin. » Sa 13. Jan 2018, 20:35

Weiter geht's ....

Parallel dazu hatte ich bereits begonnen ein Schwungrad zu bauen, auch hier wieder mit Anreißen und Bohren. Hier musste ich dann zumindest die Außenkontur auch wirklich feilen, da ich nur einen einfachen selbst gemachten Direktteilapparat habe und somit keinen Bogen Fräsen kann.
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Ich glaube das war selbst erklärend. Zumindest bis auf die 6 Löcher zum Verschrauben des Rohlings mit der Drehmaschinenspindel die bekanntlich nur 3 Schrauben hat.
Um Gewinde M8 zu schneiden darf man halt nicht 8,5 vorbohren.

Weiter mit den Führungen für die Kolbenstange
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Nachdem die Rundungen wieder mal gefeilt sind hab ich dann einen 150mm Rundtisch bestellt.

Nun komme ich zur wohl blödsinnigsten Idee des ganzen Projekts.
Die beiden seitlch anzubringenden Balanciere hab ich aus aus einem Stück gedreht anstatt einfach ein dünnes Material zu nehmen und die Nabe separat zu fertigen und einzusetzen.
Die erste Idee das im Vierbackenfutter zu bearbeiten war dann schnell verworfen - zum Spannen ist das Ding zu dünn.
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also auf ein Reststück geschraubt ...
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.... und recht bald gemerkt das biegt sich weg und quitscht. Die Holzstücke sehen bescheuert aus, haben aber ihren Zweck erfüllt
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Danach versagte dann die Kamera im Telefon so das ich einige Zeit keine Bilder gemacht habe.
Fertig geworden ist eine Kurbelwelle
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fast fertig das Pleuel
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natürlich mit geteilter Lagerschale
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das Teilen des Pleuelkopfes mit einem Sägeblatt. Aus der Lehre hatte ich keine guten Erinnerungen an Arbeiten mit Sägeblättern - schief, verlaufen und als Höhepunkt ein 300mm Sägeblatt in Kleinteile zerlegt.
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Da wir zwei Balanciere haben braucht es ein geteiltes Pleuel - ein Traverse muss her.
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zum Fräsen hab ich das erst unten länger gelassen und nach einfräsen der Taschen dann abgesägt
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kommt noch was ...

Martin.
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Re: Eine Seitenbalanciermaschine

Beitrag von Martin. » Sa 13. Jan 2018, 21:33

Weiter mit den anderen Flächen der Traverse
Der Walzenstirnfräser erscheint etwas üppig für so eine kleine Fräsmaschine, war aber günstig, der Aufnahmedorn schon da und ist überraschend gut zu gebrauchen.
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Sinngemäß nochmal das ganze wiederholt, da ja auch auf der Zylinderseite eine Traverse benötigt wird
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Nachdem noch ein paar Kleinteile zur Verbindung der Teile entstanden sind ist das der Zustand
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Zwischenzeitlich habe ich mir noch einen Ausdrehkopf genehmigt, mit dessen Hilfe jetzt das dreiteilige Schiebergehäuse folgt.
Es wär auch auf der Drehmaschine gegangen, aber irgendwann muss sowas ja sowieso her.
Die Ausgangsbasis
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die Oberfläche ist mies - aber das ist hier auch egal
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dauert ganz schön bis das alles mit dem Ausdrehkopf rausgeraspelt ist
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fast fertig
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Nun zu einem weiteren Kapitel das mich fast in den Wahnsinn getrieben hätte - die Excenter.
Da ja nun ein Rundtisch eingetroffen war sollten die natürlich gefräst werden. Leider hab ich keinen Centricator und Ausrichten wurde zum Projekt für sich.
Hier muss noch dringend eine schnelle Technik entwickelt werden
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fertig zum Auseinandersägen
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noch etwas Dreharbeit später sieht es dann so aus. Bitte nicht fragen wieviel Stunden das gedauert hat.
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Ich hatte 2 Excenter gebaut da ich erst eine Umsteuerung der Maschine haben wollte, hab das später dann aber verworfen und somit jetzt einen übrig ....
Das hätte irgendwie so aussehen sollen
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Doch nun wieder zu erbaulicheren Arbeiten - dem Schieberspiegel und dem Zylinder fehlen noch die Dampf- bzw. Luftkanäle und dann muss beides miteinander verlötet werden.
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der Schieber
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Jetzt fehlt noch das Verbindungsgestänge des Excenters zum Schieber.
Da ich sozusagen auf der Zielgeraden war und das Ding endlich in Bewegung sehen wollte hat es für Fotos nicht mehr gereicht.
Alles noch optisch etwas aufgehübscht und anschließend zusammengebaut.

Hier noch ein kleines Video :

https://youtu.be/fUivvUqwtW8

schönen Abend noch; Martin

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Schulli
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Re: Eine Seitenbalanciermaschine

Beitrag von Schulli » Sa 13. Jan 2018, 21:52

Toll gemacht :2up:
Gruß
Lothar
Drehmaschine EDM 300 ds mit fu und 0,37kw Drehstrommotor
Holzmann ED400 FD, Fu Drehstrommotor 0,75kw
Fräse BT-MR 550 Zahnriemenantrieb, FU Drehstrommotor
Rexon Tischbohrmaschine
Schweissgerät: BT-EW 160

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Re: Eine Seitenbalanciermaschine

Beitrag von elmech » Sa 13. Jan 2018, 22:18

Hallo Martin, Danke für Deinen Beitrag und auch mit einfachen Mitteln entstehen die schönsten Modelle, Gratuliere Dir zu dieser Arbeit! Freundliche Grüsse Andi

Thomas#
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Re: Eine Seitenbalanciermaschine

Beitrag von Thomas# » Sa 13. Jan 2018, 22:22

Geniös!

Klasse gemacht!

Grüße von
Thomas

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Re: Eine Seitenbalanciermaschine

Beitrag von Martin. » So 14. Jan 2018, 21:42

Fein das sie gefällt.

Zu den einfachen Mitteln sei noch gesagt das ich mittlerweile einen größeren Posten hochwertiger Fräser und einiges an Material erwerben konnte. Seit vorgestern hab ich sogar eine richtige Anreißplatte .
Da wird es mit den Ausreden langsam schwierig wenn's mal wieder nicht so gut geworden ist. :|

Gruß Martin

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