Edelstahl Schweißraupe Endbearbeitung

bear
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Re: Edelstahl Schweißraupe Endbearbeitung

Beitrag von bear » Fr 14. Sep 2018, 13:53

Top Antwort ! Ein Profi ! :super:

alles andere ist gefährliches Halbwissen...
mindfield-e hat geschrieben:
Fr 14. Sep 2018, 13:31
Hallo Leute. Bin vom Fach und habe die wichtigsten Punkte kurz zusammengetragen.

Die „Brandspur“ nennt man Anlassfarben. Sie müssen bei rostfreien Edelstählen entfernt werden (Stichwort: Chromverarmung an der Oberfläche). Durch die Chromverarmung (Chromabbrand) sinkt der Cr-Gehalt unter 12%, die Bildung einer spontanen Passivschicht ist nicht mehr möglich und im aggressiven/feuchten Milieu ist die Scheißnaht an dieser Stelle stark korrosionsgefährdet.

Was ist zu tun? Man kann die Anlassfarben vermeiden oder die Oberfläche chemisch oder mechanisch nachbehandeln.

Anlassfarben vermieden durch Formieren (Wurzelschutzgas)

Chemische Oberlächenbehandlung durch
Passivieren (verdünnte Salpetersäure, beschleunigt die Entstehung der Passivschicht)
Beizen (sicherste Methode, entfernt Oxide durch Tauchbeizen in Bädern, als Sprühbeizen und mit Pasten, Beizen bestehen aus Salpetersäure und Flusssäure  mit Wasser gründlich spülen  sonst Korrosion)
• generell: beizgerechte Konstruktion erforderlich: Ablaufbohrungen vorsehen, keine Überlappungen (Spalt), keine Sacklöcher, …
 sonst erhöhter Aufwand
Elektropolieren (Umkehrung des galvanischen Prozesses, verringert Mikrorauigkeit, führt zur Einebnung/-glättung und zum metallischen Glanz der Werkstückoberfläche, Abtrag etwa 5 – 10 µm)

Mechanische Oberflächenbehandlung
Bürsten (Reinigen der Schweißnähte mit austenitischen Drahtbürsten)
Schleifen (Beschleifen von Schweißnähten, Ausschleifen von Verunreinigungen)
Strahlen (Glasperlen, entfernen leichter Anlauffarben und Schweißrückstände, um optisch gleichmäßige Oberfläche zu erreichen, Strahlgut nur für CrNi-Stahl, sonst Fremdrost)

Achtung:
Schleifen mit Stahlwolle ist nicht fachgerecht, da man Fremdkörper in die Oberfläche einbringt (Stichwort: Fremdkorrosion).

FriesenSpan
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Re: Edelstahl Schweißraupe Endbearbeitung

Beitrag von FriesenSpan » Fr 14. Sep 2018, 15:43

Absolut richtig, eine perfekte "Vorlesung" :trink2:

Jetzt noch die praktische Anwendung des Erlernten:
Der TE scheint in Bayern heimisch zu sein. Dort ist nicht wirklich mit stark
korrosiver Umgebung zu rechnen. Daher reicht m.E. einfaches Bürsten mit
einer Edelstahlbürste im Akkuschrauber.
Der (hier an der Küste obligatorische) Einsatz von Beiz-/Passivierungsmittel
hieße wohl mit Kanonen auf Spatzen zu schießen.
Wenn man dann noch "einen Strich" auf die Oberfläche zaubern will,
unbedingt auf sauberes Schleifmaterial achten, w.o. auch schon gesagt.
Schleiffließ nehme ich immer gerne dafür.
Danach strikt fern halten von normalem Stahl oder dessen Werkzeugen!

Zur Lernkontrolle akzeptieren wir Fotos nach Fertigstellung des Bvh.
und Fotos nach 7,235 Jahren Betrieb in freier Natur.
:pfeif:

P.S.
So sieht´s in der Werkstatt aus, wenn man(n) öfters schleift:
Schleifmittel.jpg
Schleifmittel.jpg (52.47 KiB) 265 mal betrachtet
Auch das beste Werkzeug kann mangelndes Know-How nicht ersetzen.

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Nimral
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Re: Edelstahl Schweißraupe Endbearbeitung

Beitrag von Nimral » Mi 19. Sep 2018, 12:55

Also ...

dank euch für eure Infos. Aus der Menge der Möglichkeiten habe ich die herausgepickt, die ich am einfachsten umsetzen kann. Fast schon hätte ich bei einer Flasche Beize auf "Sofort-Kaufen" geklickt, da tat sich die Möglichkeit auf, die Teile gegen geringen Beitrag zur Kaffeekasse Glasperlstrahlen zu lassen.

So ist es geworden:
DSC_0296.JPG
Man sieht allerdings bereits erste Fingertapper. Kann ich - damit die Oberfläche optisch "sauber" bleibt, noch was drauftun, einen matten Klarlack z.B.?

Salz in der Luft brauche ich in Bayern, wie ihr ganz richtig vermutet habt, nicht zu fürchten, auch sonst ist die Landluft hier auf dem Dorf wohl relativ sauberer als in der Stadt. Es geht mir nur um die Optik, das Teil soll auch in 10 Jahren möglichst nicht gammelig aussehen.

Armin
Wer rastet, der rostet. Wer nicht rastet, rostet auch, aber er erlebt mehr dabei.

Carstens DLZR
Deckel FP1

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Re: Edelstahl Schweißraupe Endbearbeitung

Beitrag von FriesenSpan » Mi 19. Sep 2018, 17:27

Die Finger-Batschen weg machen und hauchdünn einölen.
Gilt übrigens auch für Küchentechnik mit VA Oberfläche:
"porentief rein" machen, dann einen Hauch Salatöl drüber.
Dadurch sind die Poren gefüllt, die Dir das Fett aus der Pelle
kapillieren :pfeif: und dann die Batschen zeigen.
Durch das Öl ist einfach nur die ganze Oberfläche verbatscht.

Es gibt auch super Edelstahlpflege, aber die macht´s genauso :pfeif:

Oder simpel abwarten, wenn sich die Passivschicht gebildet hat,
ist das Problem vom Tisch.
Auch das beste Werkzeug kann mangelndes Know-How nicht ersetzen.

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