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 Betreff des Beitrags: Ruemema, wohl die präzisesten konventionellen Drehmaschinen
BeitragVerfasst: Di 6. Jun 2017, 19:31 
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Hallo allerseits,

da die maximale Titellänge hier gegenüber der Ecke etwas gekürzt ist, musste ich den Titel etwas provokanter gestalten, man sehe es mir nach^^
Nach Rücksprache mit der Administration werde ich nun ein eiskaltes Crossposting veranstalten. Denn aufgrund der sehr positiven Reaktionen in der Ecke und einer direkten Anfrage eines ZB-Users vermute ich mal, dass das durchaus erwünscht sein könnte ;-)

Ich war kürzlich bei Herrn Rüdiger Krämer...

Wem das noch nichts sagt, der sollte mal die Webseite www.ruemema.de besuchen Die Firma kümmert sich nur und ausschließlich um (echte!) Restaurationen und Aufbereitungen der allerfeinsten Maschinen, die je gebaut wurden, nämlich:

Drehmaschinen Leinen DLZ 140 (und S), Leinen DLZ 190 (und S), Schaublin 135, 150 und 160, und ab und an noch Aciera Fräsmaschinen F4 und F5. Also alles ausschließlich konventionell, und das hat auch seinen Grund.

Aber dazu später mehr, denn erstmal ne "kleine" Einleitung, wie es dazu kam
Denn ich war eigentlich mit nem guten Kumpel bei Heidelberg zum Kegeln. Und dort traf ich dann tatsächlich zufällig den Rüdiger wieder^^
Ich war ja früher schon mal kurz bei ihm, als ich auf einem nur sehr kurzfristig vorher angemeldeten Vorbeiflug vorbei geschaut habe. Und schon dort war er mir sehr nett und auskunftsfreudig begegnet, obwohl er damals ja (wie eigentlich immer) schwer in Arbeit versumpft war.
Wir hatten wirklich viel Spaß und viel fachgesimpelt, nachdem er mich beim Murmeln für Erwachsene nicht nur gleich wieder erkannt hatte, sondern sich auch noch sehr gefreut hat, mich wiederzusehen! (nicht immer selbstverständlich bei der Menge meiner „Kommunikativität“ :-D


An dem Tag hatte ich auch zum ersten Mal realisiert, was für eine Drehmaschine ich WIRKLICH haben will, wenn ich mir das mal leisten kann :-)
Genauso wie die Traum-Fräsmaschine, die ich mittlerweile auch tatsächlich besitze, nämlich meine Aciera F5 ;-) Und damit sind wir auch schon beim Thema.

Wie gesagt, war das Gespräch wieder erstklassig und sehr interessant, der Kerl lebt wirklich für seinen Beruf, und so sind wir schnell ins Fachsimpeln abgerutscht. Und als ich ihm erzählt habe, dass ich meine Aciera F5 gerade überhole war er gleich Feuer und Flamme.
Man lernt dann auch schnell den Fachmann für diese Maschinen kennen, denn er wusste bei jeder meiner begeisterten Erwähnungen dieser extremen schweizer Technikdetails gleich wovon ich rede und hat mir noch mit vielen Tipps und Tricks aus dem Nähkästchen helfen können. Und so kam dann auch das Thema zum geometrischen Zustand auf den Tisch. Denn dieser Maschinentyp hat eine sehr aufwendige und anspruchsvolle Form der Schmierung, die bei Nicht-beachten der Bedienungsanleitung schnell zu gefressenen Führungen führt. Man muß zB in einer bestimmten Stellung der X-Achse schmieren, und die Maschine muss exakt ausgerichtet stehen, obwohl sie eigentlich super eigenstabil ist. Aber sonst gibt es eben Probleme mit den Schmierwegen.
Und so haben fast alle käuflichen Gebrauchtmaschinen dieses Typs eben brutal gefressene Führungen.

Natürlich hat Generation Internet heutzutage alle Bilder dabei, und ich konnte ihm sehr ausführlich zeigen, in welchem Zustand sich die Führungen der Maschine befinden. Ich hatte mich ja aufgrund des sehr guten Zustandes der Führungen bisher gegen eine geometrische Überholung entschieden, da keinerlei Fresser und sogar die stärksten Einlaufspuren (nur in X überhaupt welche deutlich sichtbar) keine messbaren Vertiefungen hatten.

Tja, da hatte ich nicht mit Rüdiger gerechnet… Er hat mir dann mehr oder weniger ins Gewissen geredet und mich nochmal daran erinnert, wie viel Arbeit die Demontage und Restauration bisher schon war und dass es doch jetzt Quatsch wäre, auf der Zielgeraden den Lauf nur pflichtschuldig zu beenden.

Toll dachte ich mir, ich mit meiner halblommeligen Fitness jetzt auch noch die Maschine einschaben. Das dauert bei mir ja Monate, und Tuschierlineal habe ich auch noch kein geeignetes^^
Also habe ich ihn dann einfach rotzfrech gefragt, ob er mir die nicht (gegen Bezahlung natürlich) einschaben könnte, schließlich weiß er ja am besten, wie man das macht. Aber er bietet kein Lohnschaben an, weil sich das zeitlich nicht ausgeht bei ihm. Sowas kann man wohl nur sinnvoll in einer Vollrestauration unterbringen, aber nicht stundenweise gegen Geld.

Meine Laune war also erstmal etwas geknickt, denn a) hatte er ja eigentlich völlig recht mit dem Endspurt, aber b) kenne ich mittlerweile meine physischen Grenzen recht gut. Und schaben ist schon ne Knochenarbeit auf die Dauer, nichts für so einen angeschossenen Kerl wie mich, zumindest nicht in größerem Umfang.

Mein Gemütswechsel ist ihm dann auch nicht entgangen, er hat mich auch direkt drauf angesprochen. Er kannte meine gesundheitlichen Probleme noch vom letzten Mal und hatte dann irgendwie ein schlechtes Gewissen, was ja eigentlich völlig ungerechtfertigt war.

So, jetzt kommt der interessante Kern der Geschichte :-)

Kurz darauf, unsere Gruppe war eigentlich schon am Zusammenpacken, kam er dann nochmal an und hat mir vorgeschlagen, ein kleines Wettkegeln mit mir zu machen. Gewinne ich, schabt er mir die Achse ein, gewinnt er, „muss“ ich ihn zum Mittagessen einladen :-D (Wollte ich sowieso machen, aber muss man dann ja nicht gleich verraten^^)

Gleich gehts weiter...


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 Betreff des Beitrags: Re: Ruemema, wohl die präzisesten konventionellen Drehmasch
BeitragVerfasst: Di 6. Jun 2017, 19:36 
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Gesagt, getan, und rauf auf die Bahn. Ich hatte vorher schon einen ausnehmend guten Lauf, und somit war schon kurze Zeit später klar, ich habe den Deal meines Lebens gemacht, hehe. War aber auch gemein, er kegelt eigentlich gar nicht, ich schon des öfteren ^^

Klasse Typ wie er ist hat er sofort den obligatorischen Handschlag drauf gegeben und mir zugesagt, dass wir das zeitnah machen werden. Hammer, ich konnte es noch nicht so recht glauben! Der Meister des Mikrometers höchstpersönlich schabt mir meine Achse ein :D


Und so kam es wie angekündigt, einige Tage später bin ich in aller Herrgottsfrühe mit beladenem Kombi gen Heidelberg gezuckelt. Um die Uhrzeit schlafe ich sonst noch, denn Herr Krämer ist ein Frühaufsteher. Aber man sollte ja auch fertig werden, entsprechend haben wir uns auf 7:30Uhr vor Ort verabredet.
Vor lauter Begeisterung habe ich vom Schaben selbst leider fast keine Bilder gemacht. Wenigstens konnte ich ein paar Vorher- und Nacher-Bilder vom Schaben zusammenkratzen, die ich hier zeigen möchte:

Vorher:

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Der Gleitpartner war geschliffen, daher waren hier Bilder eigentlich witzlos.

Und dann hat der Kerl das so schnell hingeschabt, dass ich gar nicht dazu gekommen bin irgendwelche Bilder zu machen^^
Eins noch vom Tuschieren hab ich:

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Und dann eigentlich nur noch das fertige Ergebnis :-D

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Das ist schon der Hammer, wenn man dem Kerl zuschaut…
Anfangs schaut das sehr einfach aus und überhaupt nicht kompliziert. Aber wenn man dann mit der Zeit mal genau hinhört fällt einem auf, dass der nie mit dem gleichen Druck schabt! Manchmal läuft der Biax wie im Leerlauf, manchmal pfeift der aus dem letzten Loch und bricht schon in der Drehzahl ein^^

Dabei hat der fast nix gemessen, sondern arbeitet sehr viel nach Erfahrung und Gefühl. Nur vor und nach dem Schaben wurde einiges mit digitalen µm-Messchrauben gemessen, der Rest ging fast nur nach Wissen und Können. Das glaubt man erst, wenn man es gesehen hat...
Und da kam Material runter mit dem kleinen BL10, das hab ich bisher nicht mit dem BS40 runtergeschruppt^^ Wahnsinn...

Er hat mir wirklich viel erklärt und gezeigt nebenbei, ich habe an dem Tag durch bloßes Zuschauen mehr gelernt als in den letzten Jahren zusammen^^
Am Schluß habe ich dann auch geglaubt, was er morgens ganz am Anfang mal so nebenbei von sich gegeben hat: „Mit den Jahren spürt man, wo noch was weg muss“. Hammer... Ich war selten so sprachlos wie dort.
Wie gesagt, fast kein Messen, keine Kopfstände beim Tuschieren, keine fünf verschiedenen Lappen für dies und das, entgraten nur mit der Klinge, und als Ergebnis perfekte Tuschierbilder, in Rekordzeiten, das nimmt einem keiner ab.

Wenn er sich dann zum ersten Mal Zeit lässt beim Farbe auftragen, weiß man, dass es noch maximal 1-2 Durchgänge gibt. Und tatsächlich ist das Bild dann perfekt. Das weiß der vorher :-D Ich sags euch, da brichst du echt weg, hellseherisches Schaben quasi^^ Ich will mir gar nicht ausmalen, was da an Erfahrung dahinterstecken muss.

Vor allem: Da wird nicht so „nach Punkten geschabt“ wie man das immer auf den unzähligen Videos sieht und kennt. Der schubbert da in einem Tempo und im ersten Anblick irgendwie „unkoordiniert“ drüber, das man manchmal denkt, was macht der da eigentlich? Man hört nur immer diese ungleichmäßigen Geräusche vom Biax, ansonsten sieht das im ersten Blick irgendwie „gehuddelt“ aus. Und dann wird nochmal tuschiert und man fällt echt vom Glauben ab^^ Da muss wirklich jede Bewegung bewusst gesetzt und koordiniert sein, die Tragbilder lügen nicht. Ich kann das nicht verstehen, nur sehen und staunen. Wahn-Sinn!

Aber genug auf der Schaberei herumgeritten, auch wenn ich noch erwähnt wissen will, dass er mir nur anhand der Bilder der Z-Führung (ok, sehr viele und detaillierte Bilder) auch noch schnell die Rückseite der Kreuzplatte (Gegenstück der Z-Führung, die andere stand ja bei mir zu Hause!) eingeschabt hat. Jeden anderen hätte ich Scherzkeks genannt und niemals ohne den „Meister“ an die Führung rangelassen, aber nach diesem Tag hatte ich hier doch keine Bedenken mehr :D War auch nicht viel, nur an den äußersten Enden waren minimalste Defizite, die er mir behoben hat. Davon gibts nur ein Bild:

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Aciera_139.jpg [ 57.69 KiB | 4410-mal betrachtet ]


Und wieder mal, gleich mehr bei der Fortsetzung, dann wirds erst richtig interessant :-D


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 Betreff des Beitrags: Re: Ruemema, wohl die präzisesten konventionellen Drehmasch
BeitragVerfasst: Di 6. Jun 2017, 19:40 
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Und weil wir unterm Strich sogar noch deutlich schneller waren als veranschlagt, habe ich noch eine ausführliche Führung mit Probedrehen an einer Schaublin 150 bekommen :-D DA habe ich dann mehr Bilder und sogar Videos gemacht :-D

Da kommt man vom Wundern ins Staunen, das sag ich euch... Vorneweg durfte ich mich erstmal selbst mit Messmitteln an den Maschinen und Führungen verlustieren. Alleine das Kurbeln daran ist ein Erlebnis… Man kann es schwer beschreiben, das ist genau die richtige Mischung zwischen stramm und leichtgängig^^ Ich habe noch nie so leicht einen Schlitten verschoben und dabei so easy den Skalenring eingestellt, ohne auch nur 2/100mm zu wackeln… Das muss man erlebt haben! Und überall wo ich gemessen habe, sind anfangs gerade genau die 3µm Ölspiel vorhanden, die eben sein müssen. Pumpt man Öl rein, ist die Führung wie einbetoniert! Pinole selbst, Bettschlitten zu Pinole, Bettschlitten zu Führung mit langem Arm, Rund- und Planlauf Spindelbohrung und –nase uswusf., nirgendwo kann man irgendwelche Abweichungen feststellen! Ich dachte schon, der Feinzeiger hat nen Hau weg, weil sich nix bewegt hat^^

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Ich musste dann den Supramess (Teilung 0,5Mikrometer!) auspacken, weil man mit dem Millimess (Teilung 1Mikrometer!) nicht in der Lage ist, die Rundlaufabweichung der Spindelnase zu vermessen. :-D
Davon gibts auch ein extra Video, weil das sonst keiner glaubt^^

Ich hatte mich ja nicht getraut bei den sauberen und nagelneu überholten Kundenmaschinen, an denen ich herumgemessen habe, danach zu fragen, aber er hat dann von sich aus (man hat wohl recht einfach in meinem Gesichtsausdruck lesen können^^) angeboten, dass wir ja mal damit Probedrehen können.

Gesagt, getan, zwei Klumpen Eisen aus dem Regal gezerrt. Einmal 42CrMo4, einmal ST52.
Fliegend im Backenfutter eingespannt (die er übrigens speziell für sich herstellen lässt, welches Planspiralfutter hat schon garantiert 0,01mm Rundlauf über den gesamten Spannbereich :-D) und mal eben drübergedreht. Hoppla, schicke Oberfläche! Spiegelblank, kein bisschen Drücken oder so, obwohl wir nicht einmal ansatzweise den Radius der Wendeschneidplatte zugestellt hatten!

Diesen Punkt angesprochen erntete ich nur ein Grinsen und ein: „Dann pass mal auf“

2/100mm zugestellt (man erinnere sich, ein Meissel mit ordinärer Wendeschneidplatte mit anständigem Radius oder so drin!) und Vorschub rein. Ich sags euch, meine Weiler Condor (jetzt auch nicht gerade die labbrigste Maschine und geometrisch in Neuzustand!) hätte hier nur noch gedrückt, gequietscht, weil einfach viel zu wenig Zustellung für so einen Radius mit beschichteter und „stumpfer“ Platte. Und die Oberfläche hätte ausgesehen, unter aller Sau.

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Die Schaublin zieht durch und … erzeugt allerfeinste Stahlwolle! Ein einziger, langer Fließspan (klar, viel zu dünn zum brechen) auf die volle Länge! Und die Oberfläche genauso spiegelblank wie vorher! Nichts gedrückt, nicht gequietscht, sauberste Abnahme auf die ganze Länge!

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Wer mir das nur erzählt hätte, ich hätte ihn ausgelacht. Selbst unsere hoch sechsstelligen Präzisionsdrehmaschinen auf Arbeit hätten da abgeschissen, das hab ich selbst schon gesehen.
War für mich bisher eine Grundregel, normale Wendeschneidplatten brauchen eine gewisse Mindestzustellung um sauber zu drehen. Punkt.

Nicht so hier… 2/100mm, 4/100mm, 6/100mm, 1mm, jedes Mal einwandfreie Abnahme, top spiegelblanke und homogene Oberfläche, und absolut perfekte Maße beim Nachmessen. Was man zustellt, wird abgenommen, Ende der Diskussion.


Und dabei lagen wir bei jedem Durchgang auch noch im Bereich von 3-4µm Durchmesserabweichung auf die ca. 140mm Länge! Egal bei welcher Zustellung. Das war dann der Punkt, wo mir der Mund offen stehen geblieben ist bis er trocken war^^


Auch krass: Am Ende der 140mm war nacher ein Absatz, wo der Durchmesser um ca. 8mm zugenommen hat. Da ist der mal voll reingerauscht, weil nicht schnell genug manuell abgeschalten. Man hört nichtmal was! Es kommen plötzlich breite, flache Späne, aber da rappelte nichts, da quietschte nichts, die Maschine macht das weg ohne zu murren. Nichtmal in der zylindrischen Fläche konnte man nacher was sehen, wo der Schnittdruck plötzlich zugenommen hat! :-D

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 Betreff des Beitrags: Re: Ruemema, wohl die präzisesten konventionellen Drehmasch
BeitragVerfasst: Di 6. Jun 2017, 19:43 
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Und weil ich wohl gerade so schön ungläubig aus der Wäsche geschaut habe, hat er lächelnd noch einen anderen Meissel mit kleinerem Spitzenradius ausgepackt. Und jetzt wird’s strange…

Radius vielleicht 0,4mm, V..T-Platte würde ich jetzt tippen, aber nichts positives, immer noch neutraler Winkel, schwarze Beschichtung.

Eingespannt, auf Höhe gestellt, drübergedreht, keine Abweichung im Durchmesser von ganz vorne bis ganz hinten! Mit der Mahr-Bügelmeßschraube gemessen! Das … glaubst ... du … nicht !!! Man kann da anfangs sogar die Abkühlung des Material messen^^ Da wo mehr Material ist (Absatz wo gespannt war) schrumpft es langsamer als vorne, wo das Material dünner ist^^

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Und nachher hast du Passungen, für die man beim Rundschleifen auch schon echt gut sein muss! Auf 140mm Länge! Da wurde mir dann auch so langsam klar, warum man mittlere fünfstellige Beträge für eine überholte Drehmaschine ausgeben kann und sollte. So etwas gibt es sonst nicht! Bei keiner neuen Maschine und erst recht bei keiner anderen Gebrauchten.

Mutig und ehrenkäsig geworden habe ich dann nach dem St52 verlangt :-D Das Zeug ist eigentlich widerlich zu bearbeiten, vor allem mit kleinen Zustellungen, das macht sonst keinen Spaß. Also ran an die Schaublin. Eingespannt, drübergedreht, Mund offen gestanden :-D

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Ich habe dann die diversen Versuche von oben mit diversen und geringsten Zustellungen auch hier wiederholt und kanns jetzt noch nicht glauben… Diese Maschine macht da eine Oberfläche drauf, glänzend und homogen über die gesamten Länge, egal in welcher Zustellung oder Meisselwahl, das packe ich an der Weiler in hochwertigem Stahl und mit den richtigen Zustellungen gerade so mit polierten Platten, Tricks und Erfahrung! Und die Toleranzen sind für mich eine gute Dezimalstelle weiter weg, mit Glück^^ Aber der Schaublin ist das gerade wurst… auch in ST52, egal ob 1/100mm oder 1mm, Radius der Platte groß oder klein, immer perfekte Oberflächen und exakteste Maße. Hier wie im Cromo, 2µm nach Abkühlung auf die volle Länge (hier 160mm!) im Durchmesser maximal! Insgesamt, nicht +/- !

Ich wusste ja vorher schon, dass die Maschinen gut sind. Sonst würde der Kerl nicht davon leben können, so alte Maschinen zu restaurieren und zu überholen. Ich meine, bei +40Jahre alten Maschinen ist ja jedes Teil überholungswürdig, jeder Kunststoff madig und jedes Lager fertig. Was da an Ersatzteilen und Mannstunden pro Maschine rein muss, das bezahlt man anderswo für ne ganze Maschine. Schaublin ist jetzt nicht gerade das Schnäppchenland für Teilepreise, vieles gibt es gar nicht mehr und muss als Einzelteil hergestellt werden. Und selbst wenn es noch Teile gibt, da kostet so ein Variator mal schnell +4k€, und mit einem ist es ja nichtmal getan bei den Maschinen. Motoren gibt es gar nicht mehr und müssen aufwendig aufgeschweißt und neu gewickelt werden.

Und der arbeitet ja nicht mit so Murkszeug wie Turcite, Moglice, SKC usw. Nur Guss, Ende. Er sagt auch selbst, solche Genauigkeiten und Haltbarkeiten wie bei seinen Maschinen sind mit keinem dieser Beläge machbar, er hat genug solcher „Opfer“ anderer Instandsetzer vorgesetzt bekommen, die dann innerhalb kürzester Zeit wieder eingelaufen waren. Die sind dann aber nur noch Schrott, weil eben abgefräste Führungen für diesen Mist. Macht er dann auch prinzipiell nicht.

Dass vor allem absolute Profis mit den allerhöchsten Ansprüchen solche Maschinen suchen und kaufen, konnte ich mir auch vorher schon gut vorstellen. Nicht umsonst kaufen bei ihm hauptsächlich Forschungsinstitute, Universitäten und Hochpräzisionstechnik-Firmen.

Aber dass einem so eine Maschine auch gerade als Laie und ohne weitreichende Dreh-Erfahrung hilft, absolut einfach perfekte Ergebnisse zu erzielen, war mir in dem Umfang vorher nicht klar. Drüberdrehen, messen, zustellen, H7, passt. Passungen in ST52 über 160mm Länge, egal in welchen Zustellungen, das ist der Wahnsinn! Da braucht es keine ähnlichen Werte bei den letzten drei Zustellungen. Mir gehen so langsam die Superlative aus, und trotzdem meine ich immer noch, nicht ausreichend dargelegt zu haben, WIE GEIL die Maschinen wirklich sind^^


Und wieder eine kurze Werbepause... :)


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 Betreff des Beitrags: Re: Ruemema, wohl die präzisesten konventionellen Drehmasch
BeitragVerfasst: Di 6. Jun 2017, 19:46 
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Für mich ist so klar wie Klosbrühe: Sollte ich mir so eine Maschine mal leisten können, kaufe ich so ein Teil! Brauchen oder nicht, das ist hier nicht mehr die Frage :-D

Und die vielen Geschichten und Anekdoten über den Tag sind auch der Wahnsinn… Hersteller und Weltmarktführer im optischen Bereich kaufen sich dort konventionelle Maschinen, weil kein anderer Hersteller in der Lage war, NEUE Maschinen zu liefern, die die geforderte Präzision bringen konnten! Da wird dann auf sonderangefertigten Futtern mit sub-my-Einstellbarkeit gespannt, unter dem Meßmikroskop angekratzt, um dann Einstiche mit 1/100mm Tiefe zu erstellen!

Oder Formdrehstähle verwendet, um Linsen und Dichtungen in Optiken zu positionieren, die dann über Distanzen von mehreren Kilometern und unter widrigsten Bedingungen absolut präzise arbeiten müssen, da hängen dann auch Menschenleben dran. Da wird einen Tag lang das Werkstück eingerichtet, nur um dann eine einzige Bearbeitung durchzuführen.

Auf einer Schaublin von Ruemema, weil kein anderer das bieten und liefern konnte. Solche Sachen stellen einem dann doch ETWAS die bisherigen Ansichten auf den Kopf^^

Und dabei ist das noch so ein bodenständiger Kumpeltyp, dass man es eigentlich nicht glauben kann. Ich hatte nie das Gefühl, dass der sich irgendwas auf sein Können einbildet. Man hat eher das Gefühl, dass dem gar nicht so richtig klar ist, was für eine Alleinstellung er eigentlich einnimmt. Die Abnahmeprotokolle sind der Wahnsinn, und das, was ich an der 150er gemessen habe, hat auch alles damit übereingestimmt.
Also nix mit geschönte Protokolle oder solches Zeug.

Und der merkt sich die Dinge, die man ihm sagt… Ich hatte bei meinem ersten Besuch mal beiläufig erwähnt, was ich so zu essen vertrage und was nicht. Und jetzt, beim zweiten Besuch, steht beim Mittagessen (ich hatte eigentlich wie immer bei „Ausflügen“ selbst mein Vesper mitgebracht) plötzlich genau das auf dem Tisch, was ich essen kann^^ Einfach ein klasse Typ, echt krass.
Hund, Töchter, Frau, Rüdiger, Rüdigers Vater, man fühlt sich von jedem direkt wie ein Freund behandelt, kein bisschen Reserviertheit, Vorbehalte oder Trennung Geschäft-Familie. Sehr angenehm, wirklich sehr angenehm.


Ich hatte so viel Spaß und so viel gelernt an dem Tag, das kann man eigentlich nicht in Worte fassen. Dafür auch an dieser Stelle nochmal, auch wenn er das vermutlich nicht liest, meinen tief empfundenen Dank an Rüdiger und seine Familie. Ist nicht der Forumstyp, wie ich das heraus gehört habe.

Ich habe mich jedenfalls sehr wohl gefühlt und würde sehr sehr gerne einmal wieder vorbei schauen, wenn das dort zeitlich in den Tagesablauf passt.
Dieser Tag wird mir noch lange in angenehmer Erinnerung bleiben, das ist mal sicher.

Falls also hier irgendjemand mal eine WIRKLICH präzise Drehmaschine kaufen möchte, dann sollte er sich dort mal nen Termin machen! Ich fange dann schon mal an zu sparen :D
Preisanfragen muss man aber direkt dort stellen, das wird nicht öffentlich gemacht.


So, jetzt habt ihr euch wieder einiges antun müssen. Aber ich hoffe, es hat sich gelohnt, sich durch meine schriftlichen Ergüsse zu arbeiten^^
Zum Abschluß natürlich noch die Playlist zu den Videos, die ich von ein paar Messungen gemacht habe.

https://www.youtube.com/watch?v=t6Fx1Rj3JzI&list=PLNtksGd0DfY-PMmtbUjxVDzCc6KJFQAlG

Und in loser Reihe noch ein paar Bilder, die noch zusammen gekommen sind:

Eine Aciera F4 von ihm überholt:

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Und noch eine Leinen DLZ190S in weinrot-graphitgrau. Diese ist zum Beispiel für einen amerikanischen Referenzklasse Custom-Plattenspieler-Hersteller

Drehdurchmesser 400mm (eben für die Plattenteller) dazu ebenso spielfrei laufende Spindellagerung mit Rundlauf 1my zum hochglanzdrehen mit Diamant-Wendeschneidplatten.

Dateianhang:
Leinen_190S.JPG
Leinen_190S.JPG [ 89.07 KiB | 4367-mal betrachtet ]


Und natürlich eine Schaublin 150

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Ruemema_klein_156.jpg [ 73.41 KiB | 4367-mal betrachtet ]


Leider darf man bei den meisten Maschinen gar nicht öffentlich schreiben, wer die gekauft hat bzw wofür die verwendet werden. Ich kann nur so viel sagen: Beeindruckend...
Da reisen Prof.Dr.Dr.Dr.-Typen mit ganzen Wagenladungen Messequipment an, weil sie nicht glauben können, was auf den Maschinen möglich ist^^ Und kaufen die Maschine nacher, so viel darf verraten werden ;)

Aber ich fange schon wieder an^^

So denn, und viele Grüße an die vereinte Forumsschaft,

Marc


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 Betreff des Beitrags: Re: Ruemema, wohl die präzisesten konventionellen Drehmasch
BeitragVerfasst: Di 6. Jun 2017, 19:58 
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Ja, beeindruckend, danke für den Bericht :D

Vor Jahren war auf Practicalmachinist schon mal ein ausführlicher Bericht über Ruemema, da war auch eine Erweiterung vom Statement zu den Gleitkunststoffen ;)

Wenn man sich die z.b. die 135er und 150er Schaublins anschaut, sind die ja von Haus aus schon ganz wild gebaut, alleine das fehlen der Zahnstange für den Bettschlitten, dafür das Vorhandensein einer Kugelumlaufspindel und einer angetriebenen Mutter (durch das Bettschlittenhandrad..) ist ein Zeichen das die Kiste nicht für die Schlosserei zum abdrehen von geschweißten Rohrflanschen gebaut ist.. :D

Die Wahl seiner Maschinen für die eigene Werkstatt find ich spannend - Die Aciera Bohrfräsmaschine und die Universalschleifmaschine sind total schön :D

gruß
Stefan

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 Betreff des Beitrags: Re: Ruemema, wohl die präzisesten konventionellen Drehmasch
BeitragVerfasst: Di 6. Jun 2017, 20:13 
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Da fehlen einem die Worte - super geschrieben, scheint mir, als hättest du einen schönen Tag verbracht - wie lange braucht der gute Mann für eine komplette Überholung einer Maschine ? Macht der das alles alleine ? irre...
:goodpost: :flehan: :flehan: :flehan:


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 Betreff des Beitrags: Re: Ruemema, wohl die präzisesten konventionellen Drehmasch
BeitragVerfasst: Di 6. Jun 2017, 20:18 
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Danke für den Bericht, echt unfassbar was der Mann da produziert.


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 Betreff des Beitrags: Re: Ruemema, wohl die präzisesten konventionellen Drehmasch
BeitragVerfasst: Di 6. Jun 2017, 20:19 
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Danke für den tollen Erfahrungsbericht - ein allgemein guter Anlaß, mal wieder in Demut zu versinken :-)

_________________
Bolle grüsst


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 Betreff des Beitrags: Re: Ruemema, wohl die präzisesten konventionellen Drehmasch
BeitragVerfasst: Di 6. Jun 2017, 20:38 
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:thx: :thx: :thx:
Mir ist beim durchlesen wirklich das Wasser im Mund zusammengelaufen.
Von solchen Maschinen können die meisten wirklich nur träumen.
Ich wünsche dir, dass das Sparen schnell zu so einer Maschine führt.


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